Meinung

Tatsachen entstellen, Fakten verdrehen – wem nützt das falsche Spiel?

Herausgeber Nicholas Werner über den Artikel «Russisches Roulette» der «Welt am Sonntag»

Am 12. Mai erschien in der «Welt am Sonntag» ein Artikel mit schweren  Anschuldigungen gegen Nicholas Werner, den Herausgeber einiger der größten russischsprachigen Printpublikationen Europas. Zwar bilden Unterstellungen und Mutmaßungen die Grundlage für die Anschuldigungen; dennoch muss man sich ernsthaft mit ihnen beschäftigen. Wir haben Nicholas Werner gebeten, den Lesern der «Jüdischen Zeitung» seine Meinung zu dem Artikel zu schildern.

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– Herr Werner, wussten Sie, dass die «Welt am Sonntag» diesen Artikel vorbereitet?
– Ja, davon habe ich gewusst. Ein Journalist hatte Kontakt zu meiner Assistentin aufgenommen mit der Bitte um ein Interview. Als jedoch die Liste mit den Fragen bei uns einging, war uns bereits klar, dass es hier nicht um eine unabhängige und unvoreingenommene journalistische Recherche ging, sondern um Vorarbeiten zu einer einseitigen und nur diffamierende Ziele verfolgenden Darstellung.


–Was genau hat Sie zu solchen Schlussfolgerungen geführt?
– Der Charakter und teilweise die Form der Fragen, die die Redaktion uns geschickt hatte. Im Wesentlichen liefen sie darauf hinaus, dass ich verschiedene Gerüchte und irgendwelche Klatschgeschichten entweder bestätigen oder dementieren sollte, darunter auch sehr fragmentarisch gehaltene Angaben über rechtliche Auseinandersetzungen oder irgendwelche jeder Grundlage entbehrenden Tatsachenbehauptungen, etwa angeblicher – aber ebenfalls nicht existierender – Schulden in astronomischer Höhe. Was die Form betrifft, so waren einige Fragen einfach ehrenrührig. Nichtsdestotrotz hat meine Assistentin dem Journalisten der «Welt am Sonntag» mitgeteilt, dass ich bereit wäre, alle Fragen zu beantworten, unter einer Bedingung: Dass meine Antworten ohne Veränderungen veröffentlicht würden, also nicht in Form von aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten und auch sonst in keiner Weise entstellt. Eine solche Zusicherung wurde uns jedoch nicht gegeben. Daraufhin haben wir der Redaktion eine offizielle Antwort durch unsere Pressestelle geschickt.

– Und wie war Ihre Reaktion auf den Artikel?
– Milde ausgedrückt, war ich etwas erstaunt. Ich habe ja gewusst, dass da ein Artikel in Vorbereitung ist. Aber ich habe mir nicht vorstellen können, dass er inhaltlich so haltlos und in seiner Form so herabsetzend werden würde. Ich fange mit der Form an. Das letzte Mal, dass auf einem Herausgeber durch andere Herausgeber mit einer solchen Begeisterung herumgetrampelt wurde, scheint mir, war vor etwa 30 Jahren, im Zusammenhang mit dem Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher. Aber dieser Vergleicht hinkt natürlich: Über Konrad Kujau, der die Redaktion des «Stern» zum Narren gehalten hatte, haben damals quasi alle geschrieben. Was den jetzigen Artikel betrifft, so ist er lediglich in zwei Titeln des Axel-Springer-Konzerns erschienen.

Bezeichnend ist außerdem, dass kurze Hinweise auf den Artikel nur von ein paar zweitrangigen Medien gebracht wurden, die sich auf eine wenig bedeutsame Nachrichtenagentur bezogen haben. Von den führenden Nachrichtenagenturen und seriösen Zeitungen, die auf diesen – von den Autoren der «Welt am Sonntag» konstruierten – «Skandal» eigentlich hätten reagieren sollen, hat den Artikel überhaupt keine wahrgenommen. Aus diesem Grunde haben mir viele meiner Bekannten geraten, diesem Elaborat keine große Bedeutung beizumessen. In einer Woche würde der Artikel ohnehin vergessen sein. Das ist schon möglich. Aber er betrifft doch meine Ehre und meinen Ruf als Geschäftsmann, und natürlich ebenso die Menschen, die mit mir zusammenarbeiten. Gerade deshalb ist es mir wichtig, meine Meinung nicht nur in Bezug auf die Form, sondern auch in Bezug auf das Wesen der gegen mich vorgebrachten Anschuldigungen deutlich zu machen.

– Ein Leser könnte allein schon in der Information über die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen einen Anlass für das Erscheinen eines derartigen Artikels sehen. Inwiefern wäre das gerechtfertigt?
– Selbst diese Information ist verfälscht dargestellt. Tatsächlich führt die Berliner Staatsanwaltschaft eine Überprüfung, die nicht den Verlag betrifft, durch und keine «Ermittlungen» , wie es in dem Artikel heißt. Und die Überprüfung betrifft überdies nicht den Verlag, sondern eine der Firmen, die die gleiche Adresse hat wie der Verlag. Ich bin übrigens kein Miteigentümer dieser Firma. Darüber schweigt der Artikel, und es wird auch der Name der Firma nicht genannt. Die Artikelschreiber haben meiner Meinung nach auch absichtlich nicht erwähnt, dass diese Firma mit der Staatsanwaltschaft kooperiert und ihr die erforderlichen Unterlagen vorgelegt hat, mit deren Hilfe die vollständige Rechtmäßigkeit der Handelsgeschäfte der Firma und damit die Haltlosigkeit jeglichen Verdachtes diesbezüglich nachgewiesen werden kann. Ich bin davon überzeugt, dass die Beendigung der Überprüfung nur noch eine Frage der Zeit ist.

– Aber wenn Sie die staatsanwaltschaftliche Überprüfung, die im Grunde genommen den einzigen «substanzielle» Gegentand des Artikels darstellt, quasi als alltägliche Routine ansehen, weswegen dann dieser ganze Lärm um nichts?
– Ich verstehe das so: Die Geschichte über diese Überprüfung ist als Vorwand verwendet worden, um mich mit möglichst viel Schmutz zu bewerfen, ohne sich die Mühe einer gewissenhaften journalistischen Recherche zur detaillierten Prüfung des Sachverhalts zu machen. Wie ich schon sagte, die Arbeit der Staatsanwaltschaft betrifft nicht den Verlag.. In dem Artikel jedoch wird alles miteinander vermischt und unter einem für uns nachteiligen Blickwinkel dargestellt. Außerdem erstaunt mich die Eile, in der der Artikel verfasst wurde.

– Sie glauben also, dass der Artikel in der «Welt am Sonntag» nicht einfach so erschienen ist?
– Der Charakter des Artikels, der Erscheinungszeitpunkt und die Hast seitens ihrer Autoren passen erstaunlich gut zusammen, um bestärken mich in der Meinung, dass dies eine geplante Aktion  war, die darauf abzielt, mir und unserem Verlagshaus größtmöglichen Schaden zuzufügen und uns an der Realisierung einer Reihe von neuen Projekten zu hindern, mit denen wir uns gerade befassen.

– Und was war Ihrer Meinung nach der Grund für diese Eile?
– Es ist ja klar, dass sich die Überprüfung nicht ewig hinziehen kann. Und, dass sie bald eingestellt werden wird. Worüber aber könnte man dann schreiben? Dann bleibt von der ohnehin dürren Faktenlage gar nichts mehr übrig. Welcher Aufhänger würde sich dann noch anbieten, wo es ja schon jetzt keinen echten gibt! Wie kann man sich also so eine Horrorgeschichte entgehen lassen, mit «staatsanwaltschaftlicher Ermittlung», «Geldwäsche» und «es drohen bis zu zehn Jahre Haft»!? Und das alles vor dem Hintergrund des Geplauders über gewaltige Geldsummen, Diamanten, Austern und junge, langbeinige Blondinen auf einer russischen Abendgesellschaft. Wann wird es eine solche Gelegenheit noch einmal geben? Und noch dazu während einer allgemeinen Krise! Und noch dazu, wo gerade in demselben Moment, in dem der Artikel erscheint, die Investitionsbank Berlin über unseren Antrag auf einen großen Kredit entscheidet. Ich will nichts behaupten, aber nach einigen Überlegungen kann ich mir ein paar Versionen des Geschehenen vorstellen.

– Und welche Versionen sind dies?
– Am nächsten liegt die Vermutung, dass die Aufmerksamkeit der Leser wieder mal auf das früher in Deutschland populäre Klischee von den «kriminellen Russen» gelenkt werden soll. Das alte Thema von der Macht «der russischen Mafia» in Deutschland, das die Journalisten zwei Jahrzehnte lang ausgeschlachtet haben, hat sich erschöpft. Jetzt hat man im Axel-Springer-Verlag scheinbar ein neues Thema gefunden. Man versucht, den kriminellen Charakter des «russischen Business» in Deutschland nachzuweisen, gerade jetzt, wo die russische Regierung dabei ist, mit der EU eine Vereinfachung der Visaregeln zu vereinbaren, was natürlich nicht jedem in Deutschland gefällt. Ist das nicht ein exzellenter Anlass, um dem breiten Publikum zu demonstrieren, dass sogar die schon seit langem in Deutschland lebenden sehr erfolgreichen russischen Geschäftsleute unerwünschte Kriminelle bleiben, die Geldwäsche betreiben? Selbst wenn diese Version so nicht zutrifft, lässt sich doch nicht bestreiten, dass sich die Autoren des Artikels der allerprimitivsten Klischees bedient haben: die reichen Russen, Champagner und Kaviar, ältere Männer und junge Blondinen...

Auf eine weitere mögliche Version bringt mich das im Artikel verwendete Logo der «Jüdischen Zeitung», dort «die angesehene „Jüdische Zeitung“» genannt. Die Verwendung dieses Epithetons in Bezug auf diesen einen von den in unserem Verlag publizierten Titeln, ebenso wie die Nichterwähnung meiner jüdischen Wurzeln, die den Artikelschreibern zweifellos bekannt istsein sollte, können einen auf den bestimmte Gedanken an eine schlecht getarnte antisemitische Aktion bringen, was der Axel-Springer-Konzern mit Bezugnahme auf seine Geschichte und seine demokratischen Traditionen sicher sofort zurückweisen wird. Oder auf den Gedanken, dass eine unabhängige jüdische Presse jemanden einfach nur stört. Wir geben ja in Russisch und Deutsch die größten unabhängigen Zeitungen heraus, die über jüdisches Leben berichten. Diese Version mag manchem als an den Haaren herbeigezogen erscheinen; wir haben jedoch ähnliche «Aktionen» schon erlebt. Schon als die «Jüdische Zeitung» zum ersten Mal erschien, hat unsere Konkurrenz versucht, ihr etwas anzuhängen, und dafür den öffentlich-rechtlichen RBB genutzt. Damals sind wir vor Gericht gegangen und haben den Prozess gewonnen.

Eine weitere denkbare Version hängt mit den bevorstehenden Wahlen zusammen. Die WamS hat doch nicht ohne jede Absicht Fotos abgedruckt, die mich zusammen mit zwei CDU-Politikern zeigen, der Kanzlerin und dem Kandidaten für den Posten des Regierenden Bürgermeisters in Berlin. Nach dem Motto: Sieh mal an, mit wem «der böse Junge» verkehrt. Und sicher wird in dem Artikel nicht von ungefähr beiläufig auch erwähnt, dass unsere Zeitungen einen Einfluss auf die russischsprachigen Bürger des Landes haben, die bei Wahlen ihre Stimme abgeben.

Eine weitere Version könnte ganz einfach auf Missgunst zurückzuführen sein, also auf Leute, die uns unseren Erfolg neiden und deren «Handschrift» man in den Zitaten, die der Artikel anführt, auch erkennen kann. Diese Leute haben sich bis jetzt nicht mit unserer Marktpräsenz abfinden können und hören nicht auf, uns in den Augen von Staat, Partnern, Werbeträgern und Kollegen zu diffamieren. Zwar greifen sie dafür jetzt gern auf die Hilfe Dritter zurück, hinterlassen dabei dennoch ihre Spuren. Wenn meine Annahme richtig ist, so kann ich nur bedauern, dass sich deutsche Journalisten – möglicherweise unbewusst – für eine so schmutzige Aktion instrumentalisieren ließen.

– Wenn Ihre Konkurrenten hinter dem Artikel stehen, verstehen diese denn nicht, dass sie mit solchen Schlägen nicht nur Sie und Ihr Unternehmen treffen, sondern die gesamte «russische» Geschäftswelt und damit indirekt auch sich selbst?
– Ihr Hass und Ihre Intoleranz mir gegenüber sind viel zu groß, als dass sie darüber nachdächten. Sie haben ja auch Schwierigkeiten einzuschätzen, welche Konsequenzen Schlagstärke und Schlagpunkt eines Schlages nach sich ziehen können, der von Dritten ausgeführt wird. Man muss durch entsprechende Einflüsterungen nur die erforderliche Stimmung erzeugen. In dem Artikel trifft der Schlag nicht in erster Linie unsere Verlagstätigkeit, sondern vielmehr die sie unterstützenden Begleitprojekte. Nicht zufällig beginnt und endet der Wams-Text ja mit einer unverhohlen sarkastischen Beschreibung der Eröffnung des Showrooms «Luxury Place», unter Erwähnung aller sattsam bekannter Klischees. Dabei gab es übrigens in der uns vorab zugesandten Fragenliste keine Frage zum «Luxury Place». Vielleicht konnten die Artikelschreiber die Leser daher nicht darüber informieren, dass der ganze Luxus, der in dem oben genannten Showroom ausgestellt wurde, uns gar nicht gehört. Oder wurde das bewusst verschwiegen? Wir haben weltbekannten Juwelier- und Uhrenfirmen lediglich den Ausstellungsraum zur Verfügung gestellt, damit sie darin ihre Produkte zeigen können. Das Ziel einer solchen Kooperation besteht in der finanziellen Unterstützung des Verlagsgeschäfts.

Durch as Hauptziel von  publizistischen Aktionen dieser Art ist wird zum einen einen Keil zwischen mich und meine Partner zu treibengetrieben, in dem diesen durch die «Ermittlungen der Staatsanwaltschaft» Angst eingejagt werden sollwird, und zum anderen wird , bei den Lesern bewusst eine vorgefasste Meinung über die russische Geschäftswelt zu erzeugten. In dem Artikel in der «Welt am Sonntag» Entsprechend stellen die Autoren auch die übrigen Firmen der Holdinggesellschaft dar, deren angebliche Millionenschulden sie erwähnen. Dabei wird allerdings absichtlich verschwiegen, dass der Verlag selbst keine Schulden hat und nicht in Gerichtsverfahren involviert ist. Alles wird absichtlich zu einer einzigen schmutzigen Wäsche zusammengemischt, so dass bei den Lesern das Bild einer allgemeinen Katastrophe entstehen muss, die schon in wenigen Stunden unweigerlich zu einem Bankrott führen wird. Vorsätzlich wird außen vor gelassen, dass die gerichtliche Auseinandersetzung eines der Schwesterunternehmen betrifft, das seine Geschäftstätigkeit gegenwärtig eingestellt hat, kein Personal mehr beschäftigt, aber über große Aktiva in Form von Immobilien verfügt und durchaus in der Lage ist, alle Ansprüche zu befriedigen, sollten solche vom Gericht als rechtmäßig anerkannt werden. Es ist undenkbar, dass Journalisten, die echte Recherchearbeit leisten, hiervon nichts wissen. Und wenn sie es denn wissen, aber nichts davon erwähnen, bedeutet dies, dass sie entweder absichtlich so vorgehen, oder dass sie keine professionellen Journalisten sind. Daran, dass alle vier der Artikelschreiber journalistische Laien sein könnten, ist aber kaum zu glauben. Unabhängig davon, was sie zusammengeführt hat: Antisemitismus , Russenfeindlichkeit, Neid, oder was auch immer. Warum, obwohl sie genau wissen, dass die Strafanwaltschaft mich nicht verfolgt«jagt», behaupten die Journalisten von der «Welt am Sonntag» das Gegenteil? Warum lügen sie unverhohlen, indem sie über Firmen berichten, die angeblich ständig ihre Anschriften wechseln, obwohl sie ganz genau wissen, dass sie alle unter derselben Adresse registriert sind? Zu welchem Zweck bringen sie, ohne die geringste Tatsachengrundlage dafür zu haben, einen anonymen Informanten zu Behauptungen über kriminelle Machenschaften, für die der Verlag angeblich nur als Fassade diene? Die Tatsache, dass unmittelbar nach der Veröffentlichung des Artikels dessen Autoren auf Antrag Verlangen unserer Anwälte bereits ohne die Einschaltung der Gerichte sofort verschiedenedie meisten ihrer Behauptungen haben fallen lassen, spricht dafür, dass sie sich der Lügen bewusst waren und die Leser also absichtlich getäuscht haben.

Die Berichterstattung führt dazu, dass ichDer Plan ist allerdings durchschaubar, nämlich mich in meiner Geschäftstätigkeit zu behindert werden, indem alles und alle, die mit mir verbunden sind, in den Dreck gezogen werden. Wenn sich die «Welt am Sonntag» bewusst oder unbewusst zu Handlangern meiner Konkurrenten gemacht haben sollte, wäre die Motivation dieser Personen, auf diese Weise, und damit endlich einen starken Konkurrenten loszuwerden, der allen bisherigen Versuchen zum Trotz nicht gezwungen werden konnte, seine Tätigkeit aufzugeben, kaum von der Hand zu weisen.

Vor diesem Hintergrund verwundert es mich auch nicht, Nicht verwundern kann daher auch die Tatsache, dass bereits während der Phase, in der in der «Welt am Sonntag» Material für den Artikel zusammengetragen wurde, einer der mit uns konkurrierenden Verlage eine Werbekampagne auf der Grundlage von Geschenkabos begonnen hat. Der Verlag bot all denen einen kostenlosen Bezug an, die aus welchen Gründen auch immer ihren bisher abonnierten Wochentitel nicht mehr erhalten würden. Das heißt, die Überzeugung, dass unser Verlag nach dem Erscheinen des WamS-Artikels zusammenbrechen würde, war so ausgeprägt, dass sich jemand bereits als Alternative angeboten hat, ohne den Ausgang der Angelegenheit abzuwarten.

Und noch eine Kleinigkeit. Alle Mitarbeiter unserer Firmen wissen sehr gut, dass der im Artikel erwähnte Georgij Peredelski niemals mein Leibwächter war und sein ganzes Leben lang in der Gastronomie gearbeitet hat. Ich habe in meinem Büro aber ein Foto, das vor 15 Jahren gemacht wurde und das Georgij zusammen mit mir und ein paar anderen Jungs zeigt, von denen einige wirklich meine Leibwächter gewesen sind. Irgendwann einmal habe ich dieses Foto einigen meiner Konkurrenten gezeigt, als sie bei mir zu Besuch waren, und gesagt, hier seien unter anderem meine ehemaligen Bodyguards zu sehen. Offenbar Ich kann mir vorstellen, dass hat das zu der falschen Behauptung in dem Artikel geführt haben könnte, dort jedoch wieder als Aussage von «Menschen, die Werners Unternehmen kennen» apostrophiert.


– Nach dem Erscheinen des Artikels in der «Welt am Sonntag» waren Sie wahrscheinlich gezwungen, eine Menge Gespräche mit beunruhigten Partnern, Werbeträgern und Bekannten zu führen...
– Was denken Sie denn? (Lächelt.) In dem Artikel, in dem alles nur in den düstersten Farben gemalt ist, wimmelte es – wenn auch immer unter dem Vorbehalt, dies seien keine Behauptungen – von sehr ernsthaften Vorwürfen und Verdächtigungen. Darin bestand ja eigentlich der ganze Plan. Die Mehrheit derer, die mich angerufen haben – überwiegend deutschsprachige Partner, Freunde und Kollegen – hat den Artikel jedoch eindeutig als eine geplante Aktion bewertet und mich ihrer Unterstützung versichert. Sie alle verstehen genau, dass die Dinge in Wirklichkeit nicht so sind, wie man sie darzustellen versucht hat. Was nun den gewöhnlichen Leser betrifft, so sollte er immer bedenken, dass sogar auf dem Hinterhof des pompösesten Palastes Müllbehälter stehen und es auf jeder Etage Toiletten gibt, auf die man im Bedarfsfall gehen kann. Und wenn Journalisten mit dem Anspruch, als Profis zu gelten, über ein Gebäude berichten (es muss nicht einmal ein Palast sein), dann kann sich ein solcher Bericht ja nicht ausschließlich auf die Beschreibung des Hinterhofs mit seinen Müllkübeln oder der Toiletten beschränken, erst recht nicht, indem man auf jemanden Bezug nimmt, der gar nicht genannt wird. Einer ist von dem Gebäude als architektonisches Meisterwerk begeistert, ein anderer, der von ganz anderen Motiven geleitet ist, verbreitet Fotos vom Hinterhof und versucht zu beweisen, dass es sich ganz und gar nicht um einen Palast, sondern um eine Müllgrube handelt. Man muss daher immer sehen, welche Motive der einen oder anderen Handlung zugrunde liegen.

– Beabsichtigen Sie, juristische Schritte zu unternehmen?
– Wir beabsichtigen das nicht nur, sondern haben das schon getan. Zum Teil hat der Verlag der «Welt am Sonntag» bereits außergerichtlich erfüllt. Weitere Ansprüche werden bereits gerichtlich geltend gemacht. Wir haben mehrere Klagen angestrengt. Nicht nur in meinem Namen wurden juristische Schritte eingeleitet, sondern auch seitens meiner Kollegen, für die dieses Elaborat eine Beleidigung darstellt, sowie seitens der Unternehmen, die künstlich in diesen Skandal hineingezogen wurden. Unsere Juristen sind auch dabei, die unmittelbaren Verluste zu beziffern, die unsere Firmen infolge dieser Veröffentlichung erlitten haben. Außerdem habe ich Strafanzeige wegen Verleumdung und unlauteren Wettbewerbs erstattet, da ich der Meinung bin, dass das Hauptziel ders vorliegenden Artikels den Versuch darstellt, uns vom Markt zu entfernen. Man kann lange darüber nachdenken und Vermutungen anstellen, in welchem Grad diese oder jene Person oder Organisation an der Aktion beteiligt war, und natürlich darüber, wer die Publikation initiiert hat und wem sie in die Hand spielt. Die Ziele sind allemal klar. Den Autoren kann man einiges verzeihen. Zum Beispiel mangelnden Professionalismus und Voreingenommenheit. Oder die Tatsache, dass sie, wenn sie unsere juristische Auseinandersetzung mit jemandem erwähnen und dabei noch unzutreffende Zahlen für Forderungen an uns nennen, absichtlich verschweigen, dass auch unsererseits gerichtliche Klagen eingeleitet wurden und dass die Höhe unserer Forderungen dreimal so hoch ist wie die Höhe der Forderungen an uns. Oder die lediglich auf einer Erwähnung in einem sozialen Netzwerk basierende Behauptung, eine der im Artikel genannten Personen habe seinen Wohnsitz in Liechtenstein, obwohl diese nach eigener Aussage dort nicht ein einziges Mal gewesen ist. Dagegen habe ich keinesfalls vor, den Autoren eine Beleidigung der Art zu verzeihen, dass der Verlag nur eine Fassade sei, hinter der kriminelle Geschäfte gemacht würden, auch wenn sie sich hier auf irgendjemanden berufen und den Zusatz machen, dass es dafür keine Beweise gäbe. Und wenn ich durch die Entscheidungen der Gerichte in Deutschland nicht zufriedengestellt werden sollte, habe ich die feste Absicht, mich bis zu einem endgültigen Sieg auch außerhalb dieses Landes mit diesen Zeitungsschreibern und den Zeitungen gerichtlich auseinanderzusetzen.

Wenn ich denn ganze 12 Jahre lang, wie die Autoren der Publikation in der «Welt am Sonntag» faktisch behaupten (obwohl sie sich mit einem Hinweis auf Unbewiesenheit absichern), das Verlagsgeschäft als Fassade für kriminelle Geschäfte und Geldwäsche benutzt haben soll, so wirft das viele Fragen auf. Wohin hat das Kanzleramt geschaut, auf dessen Einladung ich schon sieben Jahre an der Arbeit der Integrationsgipfel teilnehme? Wohin haben die Behörden geschaut, als sie mir die deutsche Staatsbürgerschaft verliehen haben? Wohin haben die Steuerbehörden geschaut, die regelmäßig die Tätigkeit aller unserer Firmen geprüft und dabei keine ernsten Verstöße gefunden haben? Und schließlich und endlich, wohin hat der Axel-Springer-Konzern geschaut, mit dessen Leitung ich mich mehrmals getroffen habe und dessen Medien vor einigen Jahren über mich und meine Geschäftstätigkeit genau das Gegenteil geschrieben haben? Was ist auf einmal passiert, das eine so «plötzliche Erleuchtung» hervorgerufen hat?

– Ist es das erste Mal in Ihrer unternehmerischen Praxis in Deutschland, dass Sie so etwas erleben?
– Von wegen das erste Mal! Im Laufe von 12 Jahren hat es nach unterschiedlichen anonymen gegen mich gerichteten Aktionen bereits Überprüfungen durch die Staatsanwaltschaft gegeben, wie es auch Versuche gab, die deutsche Presse für diese Fälle zu interessieren, mit dem Ziel, dass etwas Negatives über mich geschrieben wird. Alle diese Untersuchungen sind jeweils wegen erwiesenen Fehlens eines Tatbestands eingestellt worden. Es hat in Zeitungen auch Artikel gegen uns gegeben, allerdings mit wesentlich milderen Formulierungen als jetzt, gegen die wir stets gerichtlich vorgegangen sind, wobei wir die entsprechenden Prozesse gewonnen haben. Die Medien, die die Artikel veröffentlicht hatten, mussten sich entschuldigen und Gegendarstellungen bringen.

– Das heißt, Sie sind der Auffassung, dass die Journalisten doch benutzt wurden?
– Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, was sich in ihren Köpfen an den Tagen der Vorbereitung oder während des Schreibens des Artikels abgespielt hat. Was oder wer sie dazu bewogen hat oder gar manipuliert haben könnte. Ob es ihre eigene Idee war oder ein Auftrag der Redaktion. Ob man ihnen erklärt hat, was zu tun ist, oder sie, wie man sagt, unwissentlich benutzt worden sind. Eindeutig klar istIch kann mich jedoch des Eindrucks nicht erwehren dagegen, dass sie interessierte «Berater» hatten, die sie sanft zu dem Thema «Werner» hingeführt haben oder die nach Konsultationen, zu denen sie herangezogen wurden, für die «Welt am Sonntag» freudig zu den «informierten Quellen» und den «ehemaligen Mitarbeitern» geworden sind. Jemand hat den deutschen Journalisten doch Dokumente zugespielt, die sie so nicht einfach haben konnten, jemand hat Personen empfohlen, mit denen gesprochen werden müsse. Das ist mir alles klar, auch wenn das nur auf meiner persönlichen Einschätzung beruht. Man muss aber auch anerkennen, dass das natürlich ein überaus dankbares Thema ist. Wie sonst lässt sich in einem solchen Maße das Leserinteresse und die Auflage steigern, wenn nicht durch die die reichen Russen, die Staatsanwaltschaft, die Mafia, Verbrechen, Blondinen und Austern?

– Die Frage besteht nur darin, wem genau das alles nützt.
– In erster Linie denen, denen wir im Weg stehen. Das sind Menschen, die überhaupt keine Ahnung haben, was solche Begriffe wie Ehre, Würde und ehrliche Konkurrenz bedeuten. Sie sind eben nur dazu fähig, jemanden hinterhältig zu etwas Bösem zu verleiten und Gerüchte zu streuen.

– Danke für das Interview.
 

Das Gespräch führte Andrej Sorin