Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Spurensuche an Gottes und der Menschen WortDie Schriftrollen vom Toten Meer beschäftigen noch immer Altertumsforscher und Physiker
Es begann mit dem Steinwurf, mit welchem ein junger Beduine im Jahr 1947 eine verloren gegangene Ziege aus einer Höhle nahe dem Toten Meer aufscheuchen wollte. Gut sechzig Jahre später sind jüdische und christliche Gelehrte, Religionswissenschaftler vieler Länder, aber auch Historiker und sonstige Altertumsforscher, ja selbst Experimentalphysiker noch wie aufgeschreckt: Der Stein prallte gegen einen Tonkrug und führte einem der bedeutendsten archäologischen Fund des letzten Jahrhunderts - zu den Schriftrollen von Qumran. Die Texte der Hebräischen Bibel und die Kommentare zu den biblischen Texten bieten eine Fülle von Forschungsmaterial zum rabbinischen Judentum in den letzten zwei Jahrhunderten vor und den ersten 68 Jahren nach der Zeitenwende. Damit liegt auch ein massives Interesse der christlichen Religionen auf der Hand. Zeitweilig geriet der Vatikan in Verdacht, die Fundsache Qumran geheim halten zu wollen. Jüngste Aktivitäten der Wissenschaft: In Wien trafen sich vom 11. bis 14. Februar rund 150 Forscher, um sich mit 57 Vorträgen über die Schriftrollen vom Toten Meer und ihre Integration in das weltweite Studium alter Texte, Sprachen und Kulturen zu informieren. In Berlin dringen derweil Physiker mit Elektronenmikroskopen Mikrometer (1 Tausendstel Millimeter) für Mikrometer in die Schichten der Schriftrollen ein, um aus ihren Zerfallsprozessen Schlüsse hinsichtlich ihrer noch immer ungeklärten Herkunft und der inhaltlichen Konsistenz der Fragmente zu ziehen. Die Konferenz in Wien war vom dortigen Institut für Judaistik in Kooperation mit der Hebräischen Universität Jerusalem organisiert. Institutsleiter Armin Lange fasst zusammen: «Die besondere Bedeutung des Wiener Qumran-Kongresses liegt darin, dass er erstmals Forscherinnen und Forscher aus unterschiedlichen Gebieten der Altertumswissenschaften zusammengebracht hat, um die Qumran-Texte nicht nur in judaistischen und christlich-theologischen Horizonten sondern auch im Kontext der griechisch-römischen und altorientalischen Kulturen, Literaturen und Sprachen zu studieren. Der Wiener Kongress verspricht damit eine Wende in der Qumran-Forschung und der Wahrnehmung der Qumran-Texte außerhalb des engen Kreises von Qumran-Spezialisten einzuleiten.» Die in hebräischer, aramäischer und griechischer Sprache verfassten Texte wurden aus elf Höhlen bei Khirbet Qumran im Westjordanland zusammengetragen. Die Beduinen verkauften die ersten Funde für ein Taschengeld an den syrisch-orthodoxen Metropoliten Samuel, der in den USA Abnehmer für die Rollen fand. Erst 1954 wurden sie von Jigael Jadin, Dozent an der Hebräischen Universität, für 250.000 Dollar zurückgekauft und nach Jerusalem gebracht, wo 1965 der «Schrein des Buches» als Teil des Nationalmuseums eröffnet wurde. Andere Teile der Schriftfunde gelangten in das später verstaatlichte jordanische Rockefeller-Museum, das 1967 beim Sechstagekrieg von Israel eingenommen wurde. Die katholische Kirche, die sich große Anteile der Auswertung sichern konnte, hat bis zu Beginn der 90-er Jahre die Veröffentlichung großer Teil der Texte verzögert. Michael Baigent und Richard Leigh, die Autoren des Sachbuchs «Veschlusssache Jesus», das lange Zeit ein Bestseller in Deutschland war, schürten den Verdacht, der Vatikan habe verhindern wollen, dass die Texte ein neues Licht auf die urchristlichen Gemeinden wirft. Spekulationen rückten Jesus in die Nähe der Essener Gemeinde, als deren Kloster die Ruinen von Qumran interpretiert wurden. Heute neigen Archäologen dazu, Qumran als Handwerker-Siedlung aufzufassen. Fast 20 Jahre später sieht auch Armin Lange solche Spekulationen nüchtern: «Während man ursprünglich davon ausging, dass die Bibliothek von Qumran ausschließlich die Schriften der sogenannten Essener enthielt, ist die Wissenschaft sich heute sicher, dass die in Qumran gefundenen Schriftrollen einen Querschnitt durch die gesamte antik-jüdische Literatur bieten.» Er ist allerdings überzeugt, dass die biblischen Handschriften aus Qumran und den anderen Fundorten am Toten Meer das Verständnis der Textgeschichte des Alten Testaments revolutioniert haben. Lange sieht dabei jetzt neue Perspektiven: «Während die Bedeutung der Qumran-Funde für das Verständnis des frühen Christentums schon länger intensiv erforscht wurde, hat der Wiener Kongress gezeigt, wie sich auch das rabbinische Judentum nicht nur ethisch, sondern auch gedanklich aus dem in den Schriften von Qumran dokumentierten jüdischen Kulturspektrum entwickelt hat.» Ganz anders als die Religionswissenschaftler geht an der Technischen Uni Berlin die Physikerin Birgit Kanngießer an die Schriftrollen. Gemeinsam mit Oliver Hahn an der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung sowie Ira Rabin von der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem und ihren Arbeitsgruppen will sie experimentell herausfinden, ob die Rollen tatsächlich in der Nähe des Toten Meeres hergestellt und beschriftet wurden. «Meine Methode ist eine Weiterentwicklung der Röntgenfluoreszenzanalyse. Das Neue daran ist, dass wir in die Tiefen eines Kunstwerkes vordringen können. Wir setzen uns sozusagen unter die Oberfläche des Objektes. Mikrometer für Mikrometer steigen wir hinein in das Objekt und können so exakt Aufschluss darüber geben, in welcher Tiefe des zu untersuchenden Gegenstandes sich in welcher Konzentration die verschiedenen Elemente befinden wie zum Beispiel Kupfer, Eisen oder Chlor.» Die Physikerin erhält bei ihrem neuartigen Versuchsaufbau ein dreidimensionales Bild der Schriftrollen-Fragmente, die in klimatisierten Koffern nach Berlin geflogen wurden. Schonend und zerstörungsfrei analysiert sie beispielsweise nicht nur, wie viel Kupfer in den Proben ist, sondern wie es sich in den unterschiedlichen Tiefen des Materials findet und verhält. Birgit Kanngießers dreidimensionale Röntgenfluoreszenzanalyse unter Anwendung von Synchrotronstrahlung wird beim Elektronenspeicherring BESSY in Berlin durchgeführt und brachte, wie die TU Berlin meldet, wichtige Erkenntnisse über den Zustand der Apokryphen zur Genesis. So ist bei ihnen der Kupferfraß besorgniserregend vorangeschritten. Das Pergament zerbröselt regelrecht. Andere Messungen haben bewiesen, dass die einzelnen Fragmente mit unterschiedlichen Tuschen beschrieben wurden. In einem Fall konnte so nachgewiesen werden, das zwei Fragmente, die bisher wie Puzzle-Teile dem gleichen Text zugeordnet wurden, nicht zusammengehören. Als Glücksfall werten die Naturwissenschaftler, dass das Wasser in der Umgebung des Toten Meeres durch ein ganz bestimmtes Verhältnis von Chlor zu Brom gekennzeichnet ist. Dieses wurde bereits in einigen kleinen Fragmenten nachgewiesen. «Um jedoch auch über die Herkunft der Apokryphen zur Genesis und anderen Fragmenten gesicherte Aussagen machen zu können, sind zusätzliche Messungen erforderlich», erklärt Kanngießer. «Und wir benötigen weitere Fragmente, um zu sehen, ob dort das Chlor-zu-Brom-Verhältnis ein anderes ist. Wir müssen klären, ob es Veränderungen gibt und wenn ja, ob sie lagerungsbedingt sind, ob es Verunreinigungen gegeben hat, ob sie in Tonkrügen gefunden wurden oder auf der Erde der Höhle. Denn all das muss miteinander in Beziehung gesetzt werden, um zu wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen zu kommen.» Anfang April will die Physikerin in Berlin die mit den Schriftrollen überlieferten Worte Gottes und der Menschen wieder auf die Probe stellen. |