Was bleibt

Filmtipp

 

Seit einigen Jahren erobern deutsche Familiengeschichten und -romane die Literatur- und Filmszene. Ein interessiertes Publikum scheint durchaus vorhanden, so ergießen sich die Familienerinnerungen derzeit zahlreich über die deutsche Öffentlichkeit. Angeführt von so bekannten Namen wie Christina von Braun, Malte Ludin oder Ute Scheub.

Auch zwei junge Filmemacherinnen haben sich dem Thema Familie genähert. Auf beeindruckende, gefühlvolle und doch auch sachliche Weise stellen Gesa Knolle und Birthe Templin in ihrem Dokumentarfilm «Was bleibt?» zwei Familiengeschichten gegenüber. Auf der einen Seite eine jüdischdeutsche Familie: Mutter Erna, Tochter Ruth und Enkelin Rebecca. Auf der anderen Seite die österreichische Mutter Dietlinde und ihre Tochter Eva. Was beide Familien verbindet, ist das ehemalige Konzentrationslager Ravensbrück. Erna war dort inhaftiert, die Mutter von Dietlinde als Aufseherin tätig. Von der ersten Minute an begegnen dem Zuschauer beide Seiten, gegenübergestellt in verschiedenen Interviewsequenzen. Und von der ersten Minute an ist man gebannt von den Erzählungen, die die Vergangenheit und Gegenwart befragen, ihnen in Erklärungen, Betrachtungen, Ausflüchten und Gefühlen nachspüren. Wie geht man als Nachkomme mit der eigenen Familiengeschichte um? Was macht man mit diesem Wissen?

Die Wahrnehmungsweisen unterscheiden sich dabei sehr. Die Erzählungen von Erna, Ruth und Rebecca beeindrucken durch ihre hohe Reflexion. Man spürt die Vertrautheit mit dem Thema, welche kritische Punkte nicht außer Acht lässt. Und auch die unterschiedliche Wahrnehmung von Mutter und Tochter wird offenbart. Die Mutter glaubt, ihre Erinnerungen mit ihrem Mann geteilt und erst spät den Kindern davon erzählt zu haben. Ihre Tochter Ruth betont dagegen, wie sehr die «KZ-Erfahrung der Eltern unser ganzes Leben geprägt hat», da sie unentwegt darüber gesprochen hätten. Die ineinander geschnittenen Szenen bilden dabei einen Dialog, der an einer Stelle auch als wirklicher geführt wird. Demgegenüber steht die schwierige Suche von Dietlinde nach ihrer Mutter, die sie mit anderthalb Jahren durch Krebs verloren hat. Aus Fotos, den Erzählungen ihrer Stiefmutter, aber auch Anklageschriften versucht sie, sich ihr Bild zu schaffen. Das Wissen um die Tätigkeit ihrer Mutter als Aufseherin sowie die ungeklärte Identität ihres Vaters durchbrechen immer wieder die gewollt positive Vorstellung. Diese ist geprägt durch den Versuch, die Rolle der Mutter als SS-Aufseherin mit den Zeitumständen oder der NS-Propaganda zu erklären oder sie von den anderen, viel «brutaler wirkenden» Aufseherinnen abzugrenzen. Eine kritische Auseinandersetzung nimmt mit den Interviews zu, spürbar bleibt aber auch die Sehnsucht nach der Mutter, einfach nur als Mutter. Gemeinsam ist sowohl Ruth als auch Dietlinde die geschichtliche Ohnmacht. Für Ruth liegt sie in der Hilflosigkeit gegenüber den Erinnerungen ihrer Mutter und ihrem Leiden daran. Für Dietlinde sind es die Taten der Mutter, die unvorstellbar für sie bleiben. Durch die Interviewmontage, die wirklich die Befragten in den Vordergrund treten lässt und sich nur auf sie konzentriert, entspinnt sich ebenfalls ein Dialog zwischen Rebecca und Eva, den Enkelinnen. Bei Rebecca ist die familiäre Auseinandersetzung mit der Geschichte ebenso spürbar wie ihr eigener Anspruch an den Umgang mit der Vergangenheit - ohne das dieser belehrend wirkt. Es gehört zur Familienaufgabe, die Geschichte weiter zu tragen und an sie zu erinnern ebenso, wie ihr Judentum zu leben. Deutlich wird aber auch die Forderung der jungen Frau, die Rolle der Täter in der jeweiligen Familiengeschichte zu hinterfragen und sich mit dieser auseinanderzusetzen. Diese Sätze wirken wie eine Botschaft an Eva, die den Fragen nach ihrer Großmutter mit Distanz begegnet. Sie wirkt als ginge sie dies alles nichts an. Kann sie sich zum einen nicht vorstellen, wie sie gewesen sein mochte, ist zum anderen eine Abgrenzung gegenüber der Geschichte zu merken. Das Wegschieben dieser wird von den Gesten begleitet, die jeglichen Bezug verhindern wollen. Und doch gibt es auch bei ihr kleine Momente der Verstörung und des Aufbrechens, wenn sie sich selbst befragt, ob die Härte der Großmutter nicht auch in ihr steckt.

Gerade in diesen Szenen liegt die Überzeugungskraft des Films. Die Verzahnung von Vergangenheit und Gegenwart wird allein durch die Erzählungen deutlich. Bewusst haben die Filmemacherinnen sich gegen die Montage von Schwarz-Weiß-Aufnahmen des Lagers oder Dokumentarmaterial entschieden. Die Klarheit, die daraus entsteht, wirkt wohltuend. Die Entscheidung für das weibliche Erzählen ist spannend und doch ruft sie den Wunsch nach der Darstellung von Vater-Sohn-Beziehungen hervor. Und ein bisschen wünscht man sich, dass beides sich hier verknüpft hätte.

 

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Ulrike Schneider

«Jüdische Zeitung», Mai 2008