Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Verfault in ewiger DunkelheitNava Semels Roman «Und die Ratte lacht»
«Warum? Das ist die ganze Geschichte in einem einzigen Wort.» Dem ist nichts hinzuzufügen, könnte man nach der Lektüre des Romans von Nava Semel sagen. 1942 in Polen; ein fünfjähriges jüdisches Mädchen in einem Erdloch, immer wieder vergewaltigt von Stefan, dem Sohn der polnischen Bauernfamilie, in deren Obhut die Eltern ihr Kind gegeben haben. Das Mädchen überlebt den Holocaust, gerettet von einem katholischen Priester, der über dem, was geschehen ist, seinen Glauben zu verlieren droht. Das Mädchen gerät nach Israel, wächst auf, bringt eine Tochter zur Welt. Das Unglaubliche ist Wirklichkeit geworden: das Mädchen, vorgesehen für Gaskammer und Krematorium, überlebt in der Hölle und findet ins Leben zurück. Nicht nur eine Tochter wird dem Mädchen von einst geschenkt, auch eine Enkelin. Sie ist etwa dreizehn Jahre alt und soll für die Schule ihre Großmutter darüber befragen, wie sie überleben konnte damals in Polen, unter der Herrschaft der Nationalsozialisten. «Ich bin groß, ich kann alles hören. (...) Was könnte sie mir schon offenbaren, was ich nicht weiß?» Die Enkelin, aufgewachsen mit Computer und Fernsehen, in dem die «schlimmsten Grausamkeiten» live gezeigt werden, kann nicht verstehen, warum ihre Oma sich ziert zu erzählen, was damals passiert ist. Sie wurde doch gerettet, oder, wie es die Mutter sagt, «was hat sie schon überstanden im Vergleich zu anderen?» Wenn die Hölle der Ort des unvorstellbar Bösen ist, dann ist es ein Leben an diesem Ort, welches das fünfjährige Mädchen, aus dem mittlerweile eine Großmutter geworden ist, hat überstehen müssen, ein Leben und ein Ort, von denen sie nicht erzählen kann, weder ihrer Tochter noch ihrer Enkelin. Der Roman von Nava Semel kreist um diesen Ort, er beschreibt, warum über diesen Ort und das, was dort geschehen ist, nicht berichtet werden kann wie über andere Orte und Geschehnisse zu anderen Zeiten. Und doch berichtet und erzählt werden muss: «Ein fremdes Gefühl von Dringlichkeit überkommt sie. Vielleicht liegt es am Alter. Sie kann nicht zulassen, dass diese Geschichte verschwindet.» Aber sie, die Großmutter heute, das kleine Mädchen damals, Anfang der vierziger Jahre in Polen, kann sie nicht so erzählen, dass sie verständlich würde. Auf die bohrenden Fragen ihrer Enkelin, wie sich alles zugetragen habe damals, weiß sie keine Geschichte als Antwort: «Und schließlich sagte sie, Dunkelheit, Loch, Kartoffeln, und dann war der Krieg zu Ende.» Unmöglich für die Enkelin, diese Worte zu verstehen, aber sie spürt, «dass sie ein bisschen böse auf mich war, und ich wusste nicht, warum.» Wie hinter der Frage nach dem Warum verbirgt sich hinter den Worten Dunkelheit, Loch, Kartoffeln der Abgrund, in den das kleine Mädchen gestoßen wurde. Der Leser erfährt, was geschehen ist, in all seiner unvorstellbaren Brutalität. Besonders eindringlich sind die Tagebuchaufzeichnungen des Priesters, der das Mädchen im September 1943 aus den Händen seiner «Pflegefamilie» befreit: «Ich habe an ihrem Menschsein gezweifelt. (...) Ich wollte fliehen vor diesem tonlosen Körper und dem Gestank nach Exkrementen, den er verströmte. Ich suchte ein Gebet und fand keines. » Wohlgemerkt, nicht das Menschsein derer, die gequält haben, wird in Zweifel gezogen, sondern das des Opfers, angesichts dessen der Priester beim ersten Anblick Gott fragt, «ob diese Kreatur Teil deiner Schöpfung sei.» Der Roman von Nava Semel macht es seinen Lesern nicht leicht. Zweimal ist vom Tohuwabohu die Rede, vom chaotischen Urzustand der Welt, bevor Gott ihr Ordnung und Sinn gab. Von ihrer Lehrerin bekommt die Enkelin den Ratschlag, die Geschichte ihrer Großmutter «einfach und klar» zu erzählen, «mit Anfang, Mitte und Schluss, und am wichtigsten wäre die Entwicklung.» Auch die Enkelin möchte, «dass eines sich aus dem anderen entwickelt, nur dann ergebe sich eine Logik, denn die Verwirrung, das Tohuwabohu, sei die größte Gefahr.» Der Priester kommt zu einem anderen Ergebnis, nachdem er Gott bekennt, er habe sich der Seele des Mädchens verweigert, «die in diesem stinkenden Stück Fleisch zitterte.» Einen Tag später, das Mädchen droht an Entkräftung zu sterben, bekennt er Gott: «Es wäre besser gewesen, wenn du nicht zwischen Finsternis und Licht unterschieden hättest, wenn du das Tohuwabohu auf der Welt gelassen hättest, denn die Ordnung, die du schufst, ist nur eine Illusion ». Wie kaum ein zweiter hat Paul Celan in seinen Gedichten versucht, sich dem Unsäglichen des Holocausts zu nähern. Gedichte müssen Raum lassen für das Ungesehene und Ungesagte, so die Überzeugung von Nava Semel. Die Kunst überhaupt sei eine Straße ins Unbekannte, dieses zu erreichen ihr eigentliches Ziel - ein ästhetisches Programm, das dem von Celan nahesteht und das vielleicht das einzig angemessene ist angesichts dessen, was sich hinter dem Begriff des Holocausts an Unvorstellbarem auftürmt. In seinem Gedicht «Mandorla» richtet er seinen Blick auf einen Ort, an dem in christliche Kirchen die Figur des Erlösers oder seiner Mutter Maria in einer mandelförmigen Nische steht, auch einer Art Loch. Er steht aber dort nicht mehr: In der Mandel - was steht in der Mandel? Das Nichts. Es steht das Nichts in der Mandel. Da steht es und steht. Auch der Roman von Nava Semel versucht zu beschreiben, was heute in der Mandel, dem heiligen Ort, dem Loch, noch stehen könnte.
«Und die Ratte lacht», aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, Persona-Verlag. 220 Seiten, 22 Euro. |