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| Zenger mit der Buber-Rosenzweig-Medaille. Foto dpa |
Wegen ihres Neins zu Jesus als ihrem Messias wurden die Juden von den Christen Jahrhunderte lang verachtet, verfolgt und umgebracht. Die christliche Theologie und die lehramtliche Verkündigung erklärten, wegen dieses Neins habe Gott sein Volk verstoßen und den Bund mit ihm aufgehoben. Gott habe die Juden enterbt. An ihre Stelle sei die Kirche getreten als das Gottesvolk des neuen Bundes. Wer als Jude zum ewigen Heil gelangen wolle, müsse dem Judentum abschwören, sich taufen lassen und sich öffentlich zu Jesus Christus als dem Messias und Sohn Gottes bekennen.
Nicht zuletzt im Erschrecken über die mit dieser theologischen Verurteilung des Judentums verbundenen Schuldgeschichte der Kirche, aber auch in der Erkenntnis, dass diese christliche Position dem Zeugnis der Heiligen Schrift, sowohl des Alten wie des Neuen Testaments, widersprach, haben die christlichen Kirchen in den letzten 50 Jahren ihre Sicht des Judentums und ihr Verhältnis zu den Juden revidiert. Die neue Sicht betrifft insbesondere zwei Punkte.
1. Altes wie Neues Testament, jüdische wie christliche Theologie lassen keinen Zweifel zu, dass Gott die Zusage seiner Treue, und das heißt: sich selbst, nicht widerruft. Das gilt in gleicher Weise für Juden und für Christen. Seinem Volk Israel schenkt Gott die Tora, nach der es im ungekündigten und unkündbaren Bund leben und das Heil finden kann. Weil Israel im Gottesbund lebt, lebt es in der Gemeinschaft mit Gott und muss nicht wie die Heidenvölker zum wahren Gott bekehrt werden. Wir Christen müssen begreifen und akzeptieren, was der jüdische Bibelübersetzer und Philosoph Franz Rosenzweig 1913 in einem Brief geschrieben hat: «Was Christus und seine Kirche in der Welt bedeuten, darüber sind wir einig: Es kommt niemand zum Vater denn durch ihn. Es kommt niemand zum Vater – anders aber wenn einer nicht mehr zum Vater zu kommen braucht, weil er schon bei ihm ist. Und dies ist nun der Fall des Volkes Israel (nicht des einzelnen Juden)». Wir Christen glauben einerseits, dass Gott durch die Menschwerdung seines Sohnes Jesus Christus die ganze Menschheit aus Sünde und Tod erlöst. Und wir können andererseits zugestehen, dass Israel ohne das ausdrückliche Bekenntnis zu Jesus Christus auf dem Weg zum Heil ist.
2. Das Verhältnis der Kirche zum Judentum ist einzigartig und kann nicht auf andere Religionen, auch nicht auf den Islam, übertragen werden. Die unverwechselbare und unaufgebbare Beziehung des Christentums zum Judentum hat besonders Johannes Paul II. immer wieder betont. Bei seinem Besuch in der Großen Synagoge Roms im Jahr 1986, dem ersten Besuch eines Papstes in einer Synagoge, wollte Johannes Paul II., wie er selbst sagte, ein öffentliches Zeichen dafür setzen, «dass die alten Vorurteile überwunden werden und man Raum gibt für eine immer vollere Anerkennung des „Bandes“und jenes ‚gemeinsamen geistigen Erbes’, die zwischen Juden und Christen bestehen.» Seine Ansprache gipfelte in folgenden Worten: «Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas „Äußerliches“, sondern gehört in gewisser Weise zum „Inneren“ unserer Religion. Zu ihr haben wir somit Beziehungen wie zu keiner anderen Religion. Ihr seid unsere bevorzugten Brüder und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder.» Das bedeutet: Das Zeugnis der Christenheit vom göttlichen Erbarmen im Erlösungswerk Jesu Christi und das Zeugnis der göttlichen Treue zum Volk des niemals gekündigten Bundes ergänzen sich gegenseitig. Israel bleibt, trotz seines Nein zu Jesus, in sich selbst ein Ort in der Geschichte, wo sich die Menschenliebe Gottes aktualisiert hat und weiterhin aktualisiert.
Wie wenig Sensibilität gegenüber der Geschichte die Karfreitagsfürbitte von 2008 zeigt, wird einem bewusst, wenn man sich der eindrucksvollen Szene erinnert, in der Papst Johannes Paul II. im Jahr 2000 bei seiner Pilgerreise ins Heilige Land an der Westmauer, der sogenannten Klagemauer, in Jerusalem nach jüdischem Brauch in die Mauerritzen einen Gebetszettel steckte, auf dem die Worte standen, die er zuvor im Petersdom am Ersten Fastensonntag des Heiligen Jahres 2000 selbst gesprochen hatte: «Gott unserer Väter, du hast Abraham und seine Nachkommen auserwählt, deinen Namen zu tragen. Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen. Wir bitten um Vergebung und wollen uns dafür einsetzen, dass echte Brüderlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes.»
Von diesem Geist der Brüderlichkeit ist in der Karfreitagsfürbitte von Benedikt XVI. wenig beziehungsweise nichts zu spüren. Von christlicher Demut in der Nachfolge Jesu und nach dem Vorbild der Päpste Johannes XXIII., Paul VI. und Johannes Paul II. ganz zu schweigen. Dass man dies über einen deutschen Papst sagen muss, ist besonders schmerzlich. Und dass dieser Papst sich von seinem neuen Zeremonienmeister dazu überreden lässt, die Palmsonntagsliturgie 2008, also den Einzug des demütigen und armen Messias Jesus in Jerusalem, im roten Damast des Medici-Papstes Leo X. (1513-1521) zu feiern, insinuiert in der Tat ein anderes Geschichtsbewusstsein.
Bei diesem Text von Erich Zenger handelt es sich um den Schlussteil seines Beitrages «Das Nein heutiger Juden zu Jesus als ihrem Retter ernst nehmen», der 2008 in dem von ihm gemeinsam mit Rabbiner Walter Homolka herausgegebenen Buch «„Damit sie Jesus Christus erkennen...“ Die neue Karfreitagsfürbitte für die Juden» im Freiburger Verlag Herder erschienen ist. Auf die Wiedergabe der Fußnoten des Originaltextes haben wir an dieser Stelle verzichtet