Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Unsäglich Berührendes
Das einzige Blindentaubstummentheater der Welt plant eine Europatournee
Behinderung auf Zeit ist in. «Unsichtbar», «Finster Essen» und «Dinner in the Dark» heißen die als Exklusiv-Event beworbenen Erlebnisabende, während derer sehende Menschen – von blinden Kellnern bedient – in einem vollkommen abgedunkelten Raum ihre Sinne neu erspüren können. Geleitet werden die Besucher nur durch die Stimmen und die Berührung der Angestellten. Was aber passiert, wenn auch die Stimme als Kommunikationsinstrument wegfällt? Wie geht es Menschen, die keinen geplanten Urlaub von der Reizüberflutung machen, indem sie ihr Gehör oder ihr Gesichtsfeld bewusst einschränken – sondern die tatsächlich taub, stumm und blind sind? Der erste Gedanke: Können die denn überhaupt reden?
Wir werden es bald mit allen Sinnen erleben können. «Nalaga ’at» aus Israel, zu deutsch «Bitte berühren», ist das weltweit einzige Theater mit blinden, tauben und stummen Schauspielern. In den nächsten Monaten ist eine großangelegte Tournee durch Europa geplant. Mit dem Stück «Nicht vom Brot allein» geben die Akteure den Zuschauern einen Eindruck davon, was von der Welt bleibt, wenn sich Menschen nur auf ihren Tast-, Geschmacks- und Geruchssinn verlassen können. Es werden Trommeln geschlagen – die Besucher hören sie, die Schauspieler spüren ihre Vibrationen. Auf der Bühne wird Brot gebacken – die Besucher sehen es, die Schauspieler spüren und riechen es. Am Ende der Vorstellung wird das Brot gemeinsam gegessen – die Besucher loben die Schauspieler und nicken ihnen zu, die Akteure benötigen eine Übersetzung aller Gesten und Worte über differenzierte Sprachcode-Kombinationen aus Finger- und Händedruck.
Allerdings bleibt es nicht bei einer reinen Performance, die den Gästen ganz allgemein die Unterschiede zwischen ihrem Leben und dem Leben eines Taubblinden vermitteln soll: Das Stück hat eine Handlung, das Stück hat einen Text. Szenisch werden Emotionen dargestellt, die jeder von uns empfindet, ob sehend und hörend oder taubstumm: der Wunsch, sich mitteilen zu können und verstanden zu werden. Die Idee, sich blind auf andere verlassen zu können. Die Schauspieler erzählen ihre Geschichten und offenbaren ihre Gedanken – vom Traum, einmal einer schönen Frau hinterherschauen zu können, bis hin zu dem Herzenswunsch, einen Promifriseur aufzusuchen. Ein Helfer überträgt das nonverbal Gesagte ins Gesprochene. Gleichzeitig übersetzt er den Inhalt simultan in die Gebärdensprache, auf Leinwänden flimmern Projektionen der stattfindenden Dialoge auf arabisch, hebräisch und englisch.
Kommunikation ohne Fernsinne – wie geht das?
Wie kommunizieren die Schauspieler untereinander, wenn die wichtigsten Fernsinne – Gehör und Sehvermögen – ausfallen? Wie wird ihnen übermittelt, was sie in den einzelnen Szenen tun sollen? Hierfür wird meist eine Variante des sogenannten Lormen-Codes genutzt. Das Deutsche Taubblindenwerk erklärt hierzu: «Das Lormen ist ein in die Hand „geschriebenes“ Alphabet, bei dem bestimmte Zeichen an bestimmten Stellen der Handinnenfläche verschiedene Einzelbuchstaben des Alphabets repräsentieren.» Der Sprechende streicht, trommelt und klopft seine Botschaften in die Hand seines Gegenübers.
Alternativ gibt es auch verschiedene taktile Gebärdensprachen: Der Taubblinde formt Handgebärden, wie sie auch von Gehörlosen verwendet werden, und legt sie auf die Hände seines Gesprächspartners. Für taubblinde Menschen gibt es von Zeitschriften in Braille-Tastschrift bis hin zu Weckern mit Vibrationsalarm eine große Bandbreite an Hilfsmitteln, die ihnen erlaubt, sich in der Welt zurechtzufinden und mit ihr in Kontakt zu treten.
Ein babylonisches Sprachengewirr erschwert auch in der Welt der Blindtaubstummen die Kommunikation: hebräisch beispielsweise spricht man mit einer Abwandlung namens «Handschuhsprache», bei der mithilfe der Fingerknöchel das Alphabet dargestellt wird. Die Knöchel werden an der Haut des Gesprächspartners kurz abgerollt, um die einzelnen Buchstaben zu Worten und schließlich zu Sätzen aneinanderzureihen. Die arabisch- und russischsprachigen Ensemblemitglieder verwenden hingegen eine Form der Blindenschrift. Allerdings verwenden sie die Punkte nicht bloß zur Niederschrift und zum Lesen verwenden, sondern bestreiten damit auch die alltägliche Unterhaltung. Dazu drücken sie mit den Fingerspitzen die Braille’schen Sechspunktkombinationen in die Handfläche oder auf den Handrücken ihres Gegenübers.
«Unmöglich» wird gestrichen
Die Europatournee der Theatergruppe stellt für alle Beteiligten eine besondere Herausforderung dar. «Es ist sehr teuer, uns zu transportieren. Jeder Schauspieler benötigt einen Übersetzer an seiner Seite. Mit technischem Personal handelt es sich um 30 Personen. Hinzu kommen Bühnenbauten, darunter Backöfen», erzählt Regisseurin Adina Tal. Erstaunlicherweise trägt sich die Gruppe jedoch zum Großteil selbst: 80 Prozent des finanziellen Aufwandes bestreitet das Ensemble durch die Erlöse seiner Vorstellungen, die restlichen Kosten werden durch Spenden von Unterstützern und Besuchern gedeckt. Auch eine indirekte politische Aussage möchte sie durch die internationale Arbeit mit den Taubblinden auf den Weg bringen, so die Organisatorin: «Wir erleben in Israel tagtäglich das Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Doch wenn Theater mit Taubblinden möglich ist, ist alles möglich!»
Die Schweizerin Tal organisiert und leitet das Projekt, seit sie es im Jahr 2002 gemeinsam mit Eran Gur aus der Taufe hob. Seit Beginn der ersten Proben in einem Theater im Hafen von Jaffo wurden beachtliche Erfolge erzielt. Sogar vor dem israelischen Parlament konnte schon eine Inszenierung gezeigt werden. Die Truppe bereiste die USA und Kanada, man spielte in Manhattan, Montreal und Toronto vor ausverkauften Häusern. In Zürich, der Heimatstadt der Regisseurin, wurde bereits ein Gastspiel gegeben. Eine großangelegte Europatournee ist das nächste Etappenziel von «Nalaga’at» – und Tal zweifelt trotz des hohen organisatorischen und finanziellen Aufwandes nicht am Gelingen ihres Vorhabens: «Das Wort „unmöglich“ wird gestrichen!»
Berührungsängste abbauen, Verständigung ermöglichen
Der Antrieb, der Tal und ihr Ensemble die beschwerlichen Reisen zu immer neuen Gastspielen bewältigen lässt, ist ihre gemeinsame Leidenschaft am kreativen Ausdruck: «Wir geben dem Publikum das Geschenk der Kunst!» Darüber hinaus sind das Schauspielprojekt selbst und das Heimattheater der Gruppe, das «Nalaga’at»-Center, eine der wenigen Möglichkeiten für Hörsehbehinderte, einen eigenständigen Beruf zu ergreifen. Durch die Beschäftigung bei der Theatertruppe können ihnen ein eigenständiges finanzielles Auskommen garantiert und Kontakte außerhalb der Herkunftsfamilie geknüpft werden. Beides trägt stark zur persönlichen Eigenständigkeit und zu einem gesunden Selbstvertrauen der Gehandicapten bei.
Am wichtigsten für den Erfolg des Projekts ist den Schauspielern wie den Akteuren «hinter der Bühne» der gemeinsame Glaube daran, daß durch aktive und dauerhafte Suche immer neue Formen des In-Beziehung-Tretens entdeckt werden können – für Behinderte und für Gesunde. Nur durch diese Leistung können die beeinträchtigten Menschen zu gleichrangigen Mitgliedern der Gesellschaft werden. Um die Mauer aus beiderseitigen Kommunikationshemmnissen und Berührungsängsten zu durchbrechen, möchten die Taubblinden nun auch fern der Heimat bekannt machen, wie viel sie uns aus ihrer sehr fremd scheinenden Welt aus Schweigen und Dunkel mitteilen können. Vor allem aber, dass sie überhaupt etwas vermitteln wollen. Denn auch wer nicht sieht, nicht hört und nicht «spricht», hat etwas zu sagen.
Mira Menzfeld
|