Die fröhlichste Baracke

Eine Begegnung mit dem letzten Kommandeur des Warschauer Ghettoaufstandes Marek Edelman


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In den sechziger Jahren bezeichnete man in Moskau Polen als die fröhlichste Baracke im sozialistischen Lager. Für einen Sowjetmenschen und besonders für einen jungen, der nicht ausreisen durfte, war Warschau gleichbedeutend mit Ausland. Ich war später in Berlin und in New York, aber dort habe ich nicht die geringste Spur jenes blendenden Gefühls der Freiheit, des gierigen Aufsaugens einer fremden Lebensweise, Kultur und Sprache und des Genusses an all dem verspürt.
Dieser Genuss beinhaltet allerdings einen gewissen moralischen Widerspruch. Ich kam mit einem bestimmten Ziel nach Warschau, ich wollte Material über das Warschauer Ghetto, seinen Aufstand, das Märtyrertum der polnischen Juden sammeln. Und ich tat das, was sich in solchen Fällen gehört: Ich arbeitete im Jüdischen Historischen Institut (ZIH), traf mich mit Überlebenden des Aufstandes, reiste in die Konzentrationslager.
An einem Frühlingstag stand ich auf einem riesigen Hof, der mit staubigem Gras bewachsen war. Es schien, als dringe kein Laut des Lebens hierher. Nur ein Kuckuck rief und zählte irgendjemandes Lebensjahre ab. Ich trat in die flirrende, gläserne Bläue dieses Tages aus der Dunkelheit einer Gaskammer. Das war Majdanek.
Später, an einem warmen Septembertag, ging ich auf einem mit weißen, an Eisenbahnschwellen erinnernden Platten belegten Weg an einem Waldrand entlang. Ich gelangte an ein Feld, das mit großen, grauen Findlingen übersät war. Auf jedem Findling stand der Name einer Stadt. Unter diesen Felsen lagen 800.000 Menschen beerdigt, die nur deshalb ermordet worden waren, weil sie als Juden geboren wurden. Der Verstand kann diese Zahl nicht fassen - 800.000 Menschen, beerdigt auf ein paar Hektar Land. Das war Treblinka.


«Niemand denkt an mich und niemand weiß von mir»

Und am gleichen Tage war ich von Lublin nach Warschau gefahren und sah abends im niveauvolle Ateneum-Theater eine Aufführung des Stückes von Peter Weiss über den Marquis de Sade. Den Abend beschloss ich in einem Restaurant am Ufer der Weichsel, von dessen Fenster aus man die Lichter auf dem Fluss sieht und wo das Orchester sich hinziehende, ermüdende Melodien spielt.
Am nächsten Morgen suchte ich eine Straße. Während des Krieges hieß sie Szucha-Allee. Dort hatte sich die Gestapo befunden. Ich ging an den Folterkammern entlang und las die in die weiße Wand einer Einzelzelle gekratzten Worte einer Gefangenen: «Niemand denkt an mich und niemand weiß von mir. Ich bin so einsam und ich muss schuldlos sterben.»
Es zerriss mir das Herz vor Grauen und Mitleid. Doch nein, es zerriss nicht. Es lebte, klopfte noch. Und als ich aus dem Keller herauskam, weiterging, eine Zigarette rauchte und mich eine Weile auf eine Parkbank setzte, begann ich erneut, meine Umgebung mit einer quälenden, fast leidenschaftlichen Wachsamkeit in mich aufzusaugen. Da geht ein Geistlicher in seiner Nylonsoutane - hager, aufrecht, wichtig. Da küsst ein alter Herr mit einem Schirm unter dem Arm einem jungen Mädchen in einer Samtjacke die Hand und beginnt ein Gespräch voll bedeutsamen Lächelns und koketten Schweigens.
Wie passt das mit dem soeben gelesenen Aufschrei voller Todesangst und auswegloser Einsamkeit zusammen? Das Leben verläuft zwischen solchen erstaunlichen Kontrapunkten. Und dein Verstand nimmt die Tiefe des Leidens vor dem Tode auf und verschlingt gleichzeitig gierig das lebendige Gefühl der Freude an der Welt von heute.
Diese Schizophrenie des Lebens schien mir beschämend, gespenstisch zu sein, aber sie war real. Ich konnte sie nicht aus mir, aus meiner jungen Natur vertreiben. Und jeder Warschauer Tag im September 1967 verlief für mich in zwei Dimensionen - tragische Vergangenheit und schöne irdische Gegenwart.
Von Zeit zu Zeit brachten mir Freunde die Telefonnummer eines weiteren Ghettobewohners und Teilnehmers des Aufstands. In der Regel trafen wir uns in einem Straßencafé irgendwo im Zentrum. Ich schrieb alles auf, was man mir erzählte. Den Kaffee trank ich nicht, ringsum Zigarettenrauch und das Gezwitscher junger polnischer Mädchen.


«Das wichtigste ist, dass es den Aufstand gegeben hat»

Ich wollte vor allem Marek Edelman treffen. Edelman war der stellvertretende Kommandeur der Kampforganisation im Warschauer Ghettoaufstand.
Aus irgendwelchen Gründen war er in den Berichten über die überlebenden Aufständischen im Hintergrund geblieben. Und in den Warschauer Redaktionen sprach man über ihn mit einem vielsagenden Lächeln: «Natürlich ist er ein Held. Der Stellvertreter von Anielewicz. Aber mit ihm ist das nicht so einfach. Es wird Ihnen wohl kaum gelingen, ihn zum Sprechen zu bringen. Falls er sich überhaupt mit Ihnen treffen will.»
Seine heldenhafte Biographie hatte vom Standpunkt der offiziellen Ideologie ihre Schattenseiten. Er war ein Bundist, der Führer der bundistischen Jugend im Ghetto gewesen. Nachdem er das Ghetto durch die Kanalisation verlassen und sich auf der arischen Seite befunden hatte, und nach seiner wundersamen Rettung hatte er am Aufstand der Warschauer Polen teilgenommen, den die Heimatarmee organisiert hatte. Jetzt arbeitete er als Kardiologe in einem Krankenhaus in Łodz - er war ein einfacher Arzt, der sich von der Politik fern hielt.
Es war tatsächlich nicht einfach, Edelman zu treffen. Gemeinsame Bekannte gab es nicht. Meine Freunde suchten nach einem Zugang über Dritte. Sie telefonierten nach Łodz, trafen ihn aber nicht zu Hause an. Endlich erklang als Antwort auf verworrene Erklärungen «wer wer sei» im Telefonhörer ein bezaubernd höfliches, polnisch gedehntes «Bitte sehr».
Am nächsten Tag suche ich bei regnerischer Abenddämmerung am recht schmutzigen Stadtrand von Łodz die Zilberowicz-Straße. 
In der Tür - ein 50-jähriger, mittelgroßer, dünner, eleganter Mann mit den scharfen Zügen eines gebildeten semitischen Gesichts. Gekleidet ist er mit eleganter Lässigkeit - grauer Pullover, weißes Hemd, keine Krawatte.
In einem großen Zimmer - alte Ledersessel, ein massiver Schreibtisch, ein Sofa mit einer bunten, weichen,/molligen Decke.
«Sie wollen die Wahrheit wissen? Wir waren zweihundert, zweihundertzwanzig. Fünfhundert? Unsinn. Zweihundert. Da war der 19. April, der 20., der 21. Dann nur noch einzelne Schusswechsel. Dann der 1., 2., 3. Mai. Und die Agonie. Man darf die militärische Bedeutung des Aufstands nicht überbewerten. Das Wichtigste ist, dass es ihn gegeben hat.
Anielewicz?...Aus einer armen Familie. Wissen Sie, was Armut der polnischen Juden bedeutet? Sehr begabt. Er gehörte den linken Poalej Zionisten an. Sie hatten einen Kibbuz bei Będzin. Anielewicz war dort während der großen Deportation. Er wusste nicht, was Deportation bedeutet. Er war jünger als wir alle. Ein Romantiker. Ja, natürlich, intelligent, wie wir alle - intelligente Jungen. Er war immer arm und ehrgeizig. Wenn wir aßen, saß er da und hielt den Napf den Händen fest. So....Wir fragten ihn: „Mordka, warum isst du so?" - „Ich bin es so gewohnt. Damit mir's die Brüder nicht wegnehmen.»
Warum er der Kommandeur wurde? Wir haben so entschieden: soll er es machen, damit  es zu keiner Spaltung kommt. Er führte ein Tagebuch und Antek kam mal zu mir und sagte: «Er hat hineingeschrieben: Wenn ich nicht Kommandeur werde, wird es gar nichts geben.» Er hat sein Amt sehr hoch geschätzt. Einmal hatte er etwas nicht ganz richtig gemacht, da haben Antek und ich zu ihm gesagt: «Pass auf, Mordka, Du wirst nicht Kommandeur werden.» Da ist er erschrocken. Aber er war ein schlechter Kommandeur. Für ihn war nur wichtig, dass der 19. April stattfand, dann konnte geschehen, was wolle. Erinnern Sie sich an seinen Brief an Cukierman: «Der größte Traum meines Lebens ist wahr geworden....» Ja, das ist er.  Und sein Befehl zum Selbstmord. Man konnte einen Ausweg finden. Und die, die seinem Befehl nicht gefolgt sind, haben sich gerettet. Cywia und ich kamen zwei Stunden nach dem kollektiven Selbstmord dorthin und haben den Lebenden geholfen zu fliehen.
Wir sind am 10. Mai aus einem Kanaldeckel in der Prosta-Straße herausgekommen. Wir waren vierzig und vor uns hatten sich schon dreißig gerettet. Wir setzten uns auf einen Lastwagen. Das hatte Antek Cukierman organisiert. Die einen gingen in den Wald. Aber Antek und ich haben uns bei Polen versteckt, erst in der einen Wohnung, dann in einer anderen. Dann kam der Warschauer Aufstand.
Wie es Cukierman geht? Oh, gut. Er trinkt Wodka und schreibt Bücher. Wissen Sie, er hat einen russischen Charakter. Cywia arbeitet in der Kibbuzverwaltung, eine politische Arbeit - New York, Paris. Aber sie kränkelt. Ich habe sie besucht, sie waren auch bei mir...»


«So leben und sterben die schönen Menschen»

Diese Details - der mit den Händen festgehaltene Napf, die Zahlen - «Wir waren zweihundert, zweihundertzwanzig.» - las ich Jahre später in dem Buch von Hanna Krall «Schneller als der liebe Gott», das in der Form eines Dialogs zwischen der Autorin und Edelman geschrieben ist.
Das kleine Buch über Edelman ist mit literarischer Feinheit, mit einem betonten Antiästhetismus geschrieben, der nach dem Gesetz der Rückkopplung zur Ästhetik des Todes, des physischen und sittlichen Zerfalls wird. Hanna Krall beschreibt den Tod einer schönen, blonden Frau, die für das Denkmal der Warschauer Sirene an der Weichsel Modell gestanden hat: «Was für ein schönes Leben und was für ein schöner Tod... Doch so leben und sterben die schönen und hellen Menschen. Die schwarzen und hässlichen leben und sterben nicht so eindrucksvoll, sondern in Furcht und Dunkelheit... Die Schwarzen und Hässlichen liegen vom Hunger geschwächt in feuchtem Bettzeug und warten, bis jemand ihnen eingeweichten Hafer oder etwas aus dem Müll bringt. Alles dort ist grau - die Gesichter, die Haare, das Bettzeug.»
Oben habe ich aus dem Buch von Edelman selbst «Das Ghetto kämpft» zitiert, das 1945 in Łodz erschien. Dieses Dokument ist der Bericht eines jungen Parteifunktionärs, die Erzählung über das Heldentum seiner Kameraden, über den Untergang des Ghettos. Mit Hanna Krall spricht ein anderer Mensch. Hart, ätzend, voller Skepsis, gereizte Reaktion auf jede Übertreibung und jeden romantischen Seufzer. So hatte ich ihn schon 1967 erlebt.
Sein Gespräch mit Hanna Krall war durchdrungen vom Pathos des zerstörten Mythos. Cukierman behauptet, dass es 500 bis 600 Aufständische gegeben habe, er, Edelman, sagt 200 bis 220. «Das ist nicht wichtig», stößt er verächtlich zwischen den Zähnen hervor. Alles ist nichts im Vergleich mit der Maßlosigkeit des Geschehens.
Edelman und Hanna gehen zum Umschlagplatz. Er war dort der Bote des Krankenhauses, seine Arbeit bestand darin, am Tor des Umschlagplatzes zu stehen und die Kranken auszusondern. Die Deutschen hatten das gestattet, um die Illusion des Abtransports zur Arbeit aufrechtzuerhalten. Er zeigte Hanna den kleinen Betonpfeiler, an dem er an jedem Tag der Deportation gestanden hatte. Er hatte 350.000 Menschen in den Tod begleitet.
Aus dem Russischen von E. Hartmann

Von Michail Rumer

«Jüdische Zeitung», Januar 2010