Die Geschichte vom "deutsch-jüdischen" Glühstrumpf

Kulturaktivisten wollen die Berliner Gaslaternenbestände vor dem Abriss retten und das Gaslicht zum "jüdischen Kulturgut" erklären

Schlimm steht es um den Glühstrumpf! Heimisch in Gaslaternen, leistete er einst in seinem gusseisernen Gewand einen enormen Beitrag zur Erhellung des Stadtbildes. Mehr noch: Er verhalf Berlin während der Industrialisierung zu einer internationalen wirtschaftlichen Spitzenstellung. Heute jedoch taucht der Glühstrumpf nicht nur in der «Liste der bedrohten Wörter» auf, sondern läuft durch die Umstellung von Gas- auf Elektrolaternen auch Gefahr, als Glühkörperasche im Müll zu enden. Das schlagende Argument der Glühstrumpfgegner: Elektrolicht ist ökonomischer und klimafreundlicher als die bestehenden Gaslichtbestände.

 

Hirschborn-Laterne  mit dem typisch gelben Licht. Aufgenommen in Berlin-Köpenick. Foto: Grimm

Die größte noch existente Glühstrumpfkolonie ist in Berlin - 44.000 Laternen tauchen weltweit einzigartig ganze Stadtteile in das warme, blendfreie Gaslicht. Die Leuchten werden in der Hauptstadt jedoch seit Jahrzehnten peu à peu abgebaut und durch Elektrolicht ersetzt. Für den Erhalt des Glühstrumpfes und gegen die Abrüstung der Gasbeleuchtung auf Berlins Straßen engagieren sich Arbeitskreise und Bürgerinitiativen - und rücken dabei auch den beträchtlichen Beitrag jüdischer Firmen zur gasbetriebenen Straßenbeleuchtung ins Licht der Öffentlichkeit.

 

Angefangen hat die Erhellung der deutschen Straßen mit Gaslicht 1826 in Berlin - vorher mussten sich die Bürger bei funzeliger Ölbeleuchtung durch die Straßen tasten. Das hellere Gaslicht wurde dementsprechend begeistert begrüßt, aufwendig gestaltete Gaslaternen dienten sogar als Ideologieträger der bürgerlich-nationalen Gedankenwelt bei der Reichsgründung 1875. Der eigentliche Siegeszug der Gaslicht-Straßenbeleuchtung begann jedoch 1891 mit der Erfindung des Glühstrumpfes. Dieses Gewebe zur Lichterzeugung machte das Gaslicht konkurrenzfähig zum Elektrolicht - und so Berlin in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zum internationalen Zentrum der Gaslichtindustrie. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte sich die Zahl der Gaslaternen, die 1826 noch schüchterne 180 betrug, auf 88.000 erhöht - der Glühstrumpf tauchte die Hauptstadt fast konkurrenzlos in sein Honiglicht.

 

Das Gaslicht stammte tatsächlich zu großen Teilen aus jüdischer Produktion - im Zuge des florierenden jüdischen Händlertums Anfang des 20. Jahrhunderts trugen zahlreiche jüdische Firmen und Personen zur Herstellung, Verbreitung und Verbesserung der Gaslaterne bei. Der Zweite Weltkrieg und die einhergehende Arisierung beendete nicht nur diese Beziehung zwischen jüdischen Firmen und Glühstrumpf, sondern erschwert auch die heutige Erforschung jüdischer Verdienste im Gaslichtbereich.

 

Einzelne Unternehmergeschichten sind bekannt: So brachte der jüdische Bankier Leopold Koppel 1892 den Glühstrumpf zusammen mit seinem Erfinder Carl-Gustav Auer nach Berlin und gab ihm dort ein Zuhause: die Deutsche Gasglühlicht-AG, spätere Auergesellschaft. Koppel, Aufsichtsratsvorsitzender der Firma, musste 1933 seine öffentlichen Ämter aufgeben und starb kurz darauf. Sein Sohn emigrierte in die Schweiz, die Auergesellschaft wurde an das deutsche Unternehmen Degussa angegliedert, also «arisiert». Ein ähnliches Schicksal erlitt der Unternehmer Felix Israel, dessen Firma «Gebr. Israel» in Kreuzberg mit rund 900 Mitarbeitern Gaslichtzubehör herstellte. Er floh 1933 ebenfalls in die Schweiz - seine persönlichen Wertgegenstände wurden beschlagnahmt, das Unternehmen wahrscheinlich ebenso arisiert.

 

Über den Großteil der Schicksale der jüdischen Firmen in der Gaslichtproduktion kann nur gemutmaßt werden. Dem der Berliner Firma Hirschhorn beispielsweise, einem der weltweitgrößten Gaslaternenhersteller und -exporteure. Deren Besitzer Jacob Hirschhorn produzierte Laternen, die auch heute noch vereinzelt in Berlin auffindbar sind. Der Betrieb wurde im Zweiten Weltkrieg anscheinend von einem Konkurrenten übernommen, das Logo der jüdischen Firma (ein Hirsch) jedoch weiter geführt - wegen der bekannt guten Qualität.

 

«Über alle Informationen bezüglich der jüdischen Firmen sind wir zutiefst dankbar!», so lautet der Aufruf von Dr. Sabine Röck, Mitglied im Arbeitskreis «Licht» des Deutschen Technikmuseum Berlin. Der Arbeitskreis trägt alle erdenklichen Informationen zum Thema Licht zusammen - und hofft auf die Erhellung der dunklen Flecken jüdischer Unternehmensgeschichte auf der Forscherlandkarte.

 

Reklameplakat der Deutschen Gasglühlicht AG Anfang um 1900.

Foto: Oldenbourg Verlag

Neben der Forschertätigkeit berät und informiert der Arbeitskreis «Licht» auf wissenschaftlicher und ökonomischer Ebene - Museen, Verwaltungen und politische Gremien. Aktuell setzt er sich für den Erhalt des Gaslichts in Berlin ein. Dort ist im Zuge der andauernden Diskussion über die Umrüstung der Gasleuchten auf Elektrolicht nun ein neuer Senatsbeschluss gefasst worden, der 8.400 Gaslaternen in Teilen Berlins bis 2015 zur Umrüstung freigibt - dem Glühstrumpf geht es also erneut an den Laternenpfahl. Röck versteht diesen Beschluss nicht. In ihren Augen übersteigen die Kosten der Investition den Gewinn durch die Energieersparnis beim Umstieg auf Elektrolicht bei weitem. Sie protestiert aber vor allem «wegen der Ästhetik des Gaslichts» gegen den Abriss. Das Gaslicht sei ein «schützenswertes Kulturgut» und sollte - statt in bestimmten Wohnbezirken ersetzt zu werden - «allen Bürgern in allen Stadtteilen zu Verfügung stehen: gleiches Recht auf Gaslicht für alle!».

 

Gegen die aktuelle Vernichtung des Glühstrumpfes auf deutschen Straßen kämpft neben dem Arbeitskreis «Licht» auf der wissenschaftlich-informierenden Seite auch der weit offensivere Verein «ProGaslicht e.V.». Gründungsmitglied Bettina Grimm fordert: «Gaslicht unter Denkmalschutz!» Der Verein informiert und mobilisiert Bürger für Proteste gegen geplante Abrüstungsmaßnahmen. In der Hoffnung, das Licht so retten zu können, betont Grimm bei ihrem Kampf um den Erhalt der Bestände auch die jüdischen Wurzeln der Gaslaternen - und erwähnt das tragische Schicksal der jüdischen Unternehmer im Nationalsozialismus und die heutigen Abrisspläne der Stadtverwaltung dabei gefährlich nah beieinander.«Die Vernichtung der Gasleuchte ist die Fortsetzung der Schoa», dieses Argument ist selbst implizit irrsinnig und inakzeptabel. Die Umrüstung der Gaslaternen ist nicht einmal faktisch ein Angriff auf «jüdisches Kulturgut»: Die «deutsch-jüdischen Vorfahren» des Glühstrumpfes seien dem Krieg zum Opfer gefallen, so Sabine Röck, die noch in Berlin stehenden Laternen sind «höchstens zu einem verschwindend geringen Anteil aus jüdischer Hand».

 

Für die Berliner, die sich für den Erhalt des Glühstrumpfes unabhängig von seiner «Konfession» engagieren wollen, bietet «ProGaslicht e.V.» Raum. In Planung sind momentan auch Patenschaften für einzelne Gaslaternen. Die Rettung des Glühstrumpfes ist damit zwar keine jüdische Angelegenheit - aber eine Instrumentalisierung des Schicksals der Juden in Deutschland für eine nostalgisch motivierte Liebe zum Licht sollte in politischen Debatten so oder so gleich im Ansatz erstickt werden.

 

 

 

 

Lena Vöcklinghaus

«Jüdische Zeitung», Oktober 2009