Wo liegt Hohenems?

Ein Städtchen in Vorarlberg/Österreich ist Heimat eines emsigen Jüdischen Museums und eines mit Antisemitisums Wahlerfolge sammelnden Regionalpolitikers. Ein politischer Spaziergang durch Hohenems

"Inmitten des Vorarlberger Rheintales liegt malerisch zwischen günen Rheinauen und dem imposanten Schlossberg - Hohenems", so das Städtchen über sich selbst. Hier: Blick auf das Rathaus.

Foto: Stadt Hohenems

Hier ist das also passiert. In diesem Dorf, das nur etwas mehr als 15.000 Seelen beherbergt. Aber wer will jetzt schon noch von Seelen sprechen, da es so scheint, als hätte der eine oder andere sie zwar nicht dem Teufel, aber doch den eigenen Ressentiments verkauft. Hohenems, das ist «a Stadt z Vorarlberg, dm westlischchta Bundesland vo Öschtriich, a dar Schwyzar Grenz», sagen die Einheimischen in ihrem alemannischen Dialekt. Der macht sie schon zu etwas Besonderem. Denn keiner in Österreich spricht so wie die Vorarlberger. Die übrigen Österreicher bezeichnen die Vorarlberger scherzhaft als «Gsiberger», weil man hier nicht wie überall sonst in Österreich «i wår» («ich war») sagt, sondern «i bin gsi» («ich bin gewesen»).

 

Und die Vorarlberger nehmen es mit Humor: Zur Landtagswahl im September 2009 trat die Partei «Die Gsiberger» an. Deren Chef kommt aus Hohenems, welches seit 1991 ein Jüdisches Museum beherbergt, das immer wieder durch unkonventionelle Ausstellungen die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Von 2005 bis 2006 beispielsweise mit «Antijüdischer Nippes, populäre Judenbilder und aktuelle Verschwörungstheorien»; in diesem Jahr ist es die Ausstellung «Hast Du meine Alpen gesehen? Eine jüdische Beziehungsgeschichte».

 

Dass sich das Jüdische Museum in Hohenems befindet, ist kein Zufall. Das erklärt die Dauerausstellung, die vor allem die Geschichte der Hohenemser Juden aufarbeitet. Zwar gibt es keine Jüdische Gemeinde mehr in Hohenems, doch war die Verfügung des Reichsgrafen Kaspar von Hohenems seiner Zeit, also Anfang des 17. Jahrhunderts, einmalig: Per Schutzbrief schaffte er die Möglichkeit zur dortigen Ansiedlung von Juden. Freilich tat er dies aus wirtschaftlichen Gründen. Im Laufe der Zeit wurde eine Synagoge gebaut, ein Ritualbad eingerichtet und die jüdischen Gemeindemitglieder trafen sich mit Vorliebe im ersten Kaffeehaus Vorarlbergs. Zu Hochzeiten wohnten Mitte des 19. Jahrhunderts über 500 Juden in Hohenems. Erst die Verfügung des Staatsgrundgesetzes von 1867 hatte zur Folge, dass die Juden Hohenems verließen, weil das Gesetz nun Glaubensfreiheit und die freie Wahl des Wohnortes in ganz Österreich-Ungarn garantierte.

 

Vorarlberg: fröhlichfrontal zur Sache

 

Trotz antisemitischer Angriffe nicht resigniert: Hanno Loewy.

Foto: privat

1935 lebten nur noch 35 Juden in Hohenems, die nach dem Anschluss Österreichs enteignet und deportiert wurden. Die letzte Jüdin des Ortes, Frieda Nagelberg, musste Hohenems im Februar 1942 verlassen. Heute organisiert das Jüdische Museum Treffen der Nachkommen von Hohenemser Juden, die in der ganzen Welt verstreut sind und hilft ihnen, eine Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart zu schlagen. Alles gut, alles schön? Hohenems, ein Ort der Erinnerung, der Toleranz und Symbiose? Eben nicht. Denn aus Hohenems kommt auch Dieter Egger. Dieter Egger ist zurzeit sowohl Landesobmann (Vorsitzender des Landesverbandes) als auch Klubobmann (Fraktionsvorsitzender) der Vorarlberger FPÖ (Freiheitliche Partei Österreichs). Egger gilt als der Sieger der Landtagswahl dieses Jahres - und doch kann er einem Leid tun.

 

Zumindest tut er Hanno Loewy Leid, dem Leiter des Jüdischen Museums und einzigen Juden in ganz Hohenems. Dabei hätte gerade Loewy am wenigsten Grund, Mitleid zu zeigen, denn schließlich war er es, der den antisemitischen Hass Eggers auf sich zog. Warum? Alles begann am 8. August 2009 mit einem Wahlplakat der FPÖ. Darauf stand zu lesen: «FPÖ: Elterngeld für heimische Familien. Dieter Egger». Bei Loewy warf das Plakat vor allem die Frage auf, wer denn nach Eggers Verständnis «heimisch» sei. Loewy frotzelte in einem offenen Brief darüber. Lustig war das Schreiben - und nicht ganz ernst gemeint. Typisch für Vorarlberg und die Hohenemser. Nicht hinterm Rücken, wie in Wien, wird hier gelästert und gemauschelt, sondern fröhlich-frontal die Sache angegangen.

 

Die Fröhlichkeit einer womöglich ernsten Diskussion um Integration, die angesichts der etwa siebzehn Prozent Hohenemser, die nicht die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen, ein überaus wichtiges Thema in Vorarlberg ist, unterbrach Dieter Egger mit einer fatalen Äußerung. Zum Wahlkampfauftakt sagte er auf einer Veranstaltung seinen 400 begeisterten Anhängern, dass die Innenpolitik «den Exil-Juden aus Amerika in seinem hoch subventionierten Museum» gar nichts angehe. Hier hatte sich bei Egger etwas Bahn gebrochen, was in der österreichischen Bundes-FPÖ schon lange vorhanden war: der Antisemitismus.

 

Egger meinte mit dem «Exil-Juden aus Amerika» natürlich Hanno Loewy, der sich weder im Exil befindet noch aus Amerika stammt. Vielmehr ist dieser auf Wunsch der Stadt Hohenems als Museumsdirektor verpflichtet worden. Geboren und aufgewachsen ist Loewy übrigens in «Mainhattan», also Frankfurt.

 

Die Intelligenzrechts überholt

 

38-Prozentiger in Hohenems: FPÖ-Kandidat Dieter Egger. Foto: Reuters

Lange war die Vorarlberger FPÖ relativ unabhängig von den ideologisierten Phrasen der Bundespartei. Doch mit Eggers Äußerung war auch die letzte Bastion des Widerstandes gegen den Rechtspopulismus gebrochen. Man war ganz auf Linie der Bundesführung und die Forderungen Eggers wurden immer kauziger: Deutsch müssten die Kinder der Einwanderer doch wenigstens lernen, sonst werde das mit der Integration nicht klappen, meinte er. Dass das Vorarlbergisch in seiner schönsten Form von den wenigsten Deutschen verstanden würde, interessierte nur die zu Recht Spottenden. Egger wurde gescholten; die Stadtvertretung von Hohenems verfasste eine Resolution gegen solches Gebaren, der Landesvater Herbert Sausgruber von der konservativen ÖVP verlangte eine sofortige Entschuldigung von Egger, weil er ansonsten die Koalition mit der FPÖ nicht fortsetzen wolle.

 

Egger entschuldigte sich nicht. Schlimmer noch: Er war der große Wahlsieger der Landtagswahlen vom 20. September 2009. 25,2 Prozent holte die FPÖ in Vorarlberg. Das waren satte zwölf Prozent mehr als fünf Jahre zuvor. In Hohenems selbst war das Ergebnis noch frappanter: 38 Prozent holte die FPÖ im Heimatdorf Eggers und Wohnort Loewys. Die Gründe dafür mögen offensichtlich sein: das Heraufbeschwören diffuser Verfremdungsängste durch Immigranten und die Fokussierung auf den Feind «Juden» als Synonym für alles Befremdende. Doch Hanno Loewy selbst sieht noch einen anderen Grund: die Solidarität mit Egger im Heimatdorf gegen die große ÖVP. Vielleicht hat man dort Egger als das eigentliche Opfer der Attacken wahrgenommen; schließlich wurde ihm, nachdem er sagte, was er sagte, die Möglichkeit verwehrt, in einer Koalition mit der ÖVP zu regieren. Schief ist solche Wahrnehmung, eindeutig das Wahlergebnis. Doch Hanno Loewy resigniert nicht. Natürlich ist er enttäuscht, aber er hat ja noch das Museum, das als integrativer Bestandteil des Stadtbildes Besucher aus der Schweiz und Deutschland ebenso begeistert wie jene aus Österreich. Dass darin tatsächlich die Hälfte des Kulturbudgets von Hohenems investiert wird, kann man hinterfragen - oder einfach als große Zustimmung zu diesem Projekt sehen. Dass mit dem investierten Geld eine Menge Sinnvolles betrieben wird, steht jedoch außerhalb jeder Kritik. Die aktuelle Ausstellung des Jüdischen Museums Hohenems wird sich in den nächsten Jahren auf Reisen begeben: Die große, weite Welt - Wien, München und Berlin - sind die Ziele. Ab 17. November veranstaltet das Museum auch zwei Wochen lang die «Jüdischen Filmwochen Vorarlberg», bei denen israelische Filme im Mittelpunkt stehen. Dabei werden an verschiedenen Orten Filmklassiker wie Uri Zohars «Peeping Toms» oder Ephraim Kishons «Der Blaumilchkanal» gezeigt. Wer eher aktuellere Filme bevorzugt, für den werden beispielsweise die Tel Aviv-Streifen «The Bubble» von Eitan Fox oder «Alles für meinen Vater» von Dror Zahavi gezeigt. Politisches Kino also. Übrigens: Am 14. März 2010 sind Gemeinderatswahlen in Vorarlberg.

 

Stefan Daniel

«Jüdische Zeitung», November 2009