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Mauern gibt es in vielen Variationen. Sie können aus Stein, Lehm oder Stahlbeton sein. Manche kann man aus großer Entfernung erkennen und manche erst, wenn man mit jemandem gesprochen hat. Ohne Mauern gäbe es keine Weltwunder, aber manche Mauer bringt einen auch dazu, sich über die Welt zu wundern. Mauern können schützen, stützen, begrenzen und trennen. Mauern umgeben uns überall. Damit eine Mauer etwas Besonderes wird, muss sie zu einem geschichtlichen oder kulturellen Kontext gehören, der von bleibender Bedeutung ist. So war die erste bekannte Mauer in der jüdischen Geschichte die Mauer von Jericho. Sie sollte den König und Kriegsleute Jerichos schützen, stand aber Joschua und den seinen im Weg, denn sie wollten ins Land der Verheißung. Nachdem man an sechs Tagen je einmal um die Stadt gegangen war, ging man am siebenten Tag sieben Mal um die Stadt herum. Beim letzten Mal bliesen Joschua und sein Gefolge dabei in Widderhörner und brachen in Kriegsgeschrei aus, und schon fiel die Mauer um. So die Legende.
Die heute wichtigste Mauer im Judentum ist die Klagemauer. Im Gegensatz zur Mauer von Jericho hatte die von Herodes errichtete, westliche Mauer die Aufgabe, das Tempelplateau zu stützen. Und ebenfalls anders als die Mauer von Jericho, war die Klagemauer im Sechstagekrieg von 1967 nicht Ziel der Zerstörung, sondern Ziel der Eroberung. Geklagt wird zwar an der Klagemauer, aber beklagt wird sie nicht. Vielmehr ist sie zum Symbol für nationale Erfüllung und religiöse Erlösung geworden.
Im Verlauf der Geschichte sind Mauern im Judentum immer auch von großer politischer Relevanz gewesen. Zwar hatten die Mauern, die die Juden innerhalb eines Ortes von den übrigen Einwohnern trennten, keinen bestimmten Namen, aber was sie konstituierten, war von Bedeutung: das Getto. Gettos existierten etwa vom 12. Jahrhundert an. Die teils selbsterwählte, teils auferzwungene physische Abschottung der Juden von anderen Bevölkerungsgruppen pervertierten die Nationalsozialisten im 20. Jahrhundert zu von Mauern umgrenzten Konzentrationslagern. Zwar waren es dort meist Zäune, die zur Isolation dienten, doch war der Zaun nur eine billigere und schneller zu errichtende Alternative.
Der Begriff Mauer konnotiert etwas Starres, was so nicht immer der politischen Intention des Mauerbauers entspricht. Die innerdeutsche Grenze war nur in Teilen eine Mauer, doch wurde sie im Westen synonym mit der Berliner Mauer gebraucht, um die Unfreiheit der DDR-Bevölkerung zu verdeutlichen. Im anderen Teil Deutschlands hingegen wurde sie als «antifaschistischer Schutzwall» bezeichnet, um ihr die negative Intention zu nehmen.
In Israel gibt es heute zwei langgestreckte Mauern, die in ihrem Aufbau und ihrer Bedeutung eher der innerdeutschen Grenze ähneln als der Klagemauer. Sowohl die Sperranlage (ihre Synonyme reichen von «Sicherheitszaun» bis «Apartheidmauer»), die das israelische Kernland vom Westjordanland abgrenzt, als auch die, die zwischen dem Gazastreifen und Israel verläuft, bestehen nur zu einem geringen Teil aus wirklichen Mauern. Sie sollen vor Übergriffen schützen und verfestigen dabei vor allem die Kluft zwischen Israel und Palästina. Bis die Trompeten von Jericho erschallen.
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