Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Mit Europas AugenDas Jüdische Museum München zeigt kolorierte Fotos aus dem Palästina des frühen 20. JahrhundertsAls wäre bei der 40-jährigen Wüstenwanderung der Israeliten, der Legende vom Auszug aus Ägypten, ein Fotograf anwesend gewesen. So beeindruckend authentisch mutet die Szene an, die sich dem bibelfesten Betrachter einer der kolorierten Abbildungen darstellt. Zwar sind es Beduinen-Frauen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die interessiert und prüfend in die Linse der Kamera blinzeln, doch ihre äußere Erscheinung und die handgewebten Zelte im Hintergrund erinnern stark an biblische Motive. Die steinige Wüstenlandschaft ist seit über 4.000 Jahren unverändert hart im Anblick, am Himmel ist keine einzige Wolke zu sehen, die vor den unbarmherzigen Strahlen der Sonne schützen könnte.
Ein anderes Foto zeigt Teile der alten Westmauer des Tempelbergs in der Altstadt von Jerusalem. An der Klagemauer stehen jüdische Frauen und Kinder in historischer Gewandung. Die Köpfe in leichte Tücher gehüllt, beten sie in Richtung Mauerwerk.
Die allegorischen Bilder, die seit dem 30. September im Jüdischen Museum München zu sehen sind, faszinieren durch ihren altertümlichen Charakter. Zugegeben, die Pastelltöne der eingefärbten Schwarz-Weiß-Fotos haben etwas Phantastisches an sich. Wie ein Schleier umhüllen sie Figuren und Landschaften, lassen festgehaltene Augenblicke wie ein traumhaftes Gemälde erscheinen. Doch ist es gerade diese Technik, die, neben den faszinierenden Motiven, diese Ausstellung so fesselnd für Besucher macht. «In Farbe! Palästina fotografiert von den Fotografen der American Colony 1898-1931» heißt die Exposition, die dem Joods Historisch Museum Amsterdam entliehen ist.
Die Geschichte um die Bildersammlung ist spektakulär und könnte selbst Themengeber einer Ausstellung sein: 1926 und 1931 unternahmen der Getreidehändler Arie Speelman und seine Frau Anne Christine Speelman-van Vliet zwei Reisen nach Palästina. Sie gehörten zu den ersten Touristen, die nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs das unter britischem Mandat stehende Land bereisten. Das niederländische Ehepaar sah - wie viele andere europäische Nahostreisende auch - in Palästina zunächst das Land der Bibel. Eine kleine christliche Gemeinde in Jerusalem, die American Colony, bestehend aus amerikanischen und schwedischen Zuwanderern, erkannte das Marktpotential und stillte fotografisch die Sehnsucht dieser Reisenden nach malerischen Bildern des Heiligen Landes. In einem eigenen Fotogeschäft nahe des Jaffa-Tores vertrieben die Kolonisten ihre Aufnahmen und kolorierten diese aufwendig per Hand. Eric Matson, einer jener Fotografen, entwickelte gemeinsam mit seiner Frau Edith Yantiss eine Technik zum Kolorieren von Glasprojektionsbildern und Dias mit Aquarellfarben.
Die American Colony in Jerusalem galt durch ihr karitatives Wirken auch für die Jerusalemer Bevölkerung und ihre neutrale Position im aufkommenden Konflikt zwischen Arabern und Juden in der heterogenen Bevölkerung der Stadt als vertrauenswürdig. Matson und die anderen christlichen Kolonisten hatten Land und Leute bereits eingehend studieren können, waren mit den kulturellen Gepflogenheiten und geographischen Umständen bestens vertraut und konnten so zahlreiche Fotos von den - oftmals technikskeptischen und religiösen - Menschen Palästinas im frühen 20. Jahrhundert einfangen: Bauern, Beduinen, Frauen bei der Arbeit, Wasserträger, Kinder in zerlumpten Sachen, Kranke. Die Motive sind dabei oft im Kopf mitgedachten biblischen Szenen nachempfunden.
Als Arie Speelman 1931 nach Jerusalem kam, besuchte er Matsons Fotogeschäft und kaufte ein Fünftel des Lagerbestands auf. Die Fotografien wurden später noch von Hand in Pastellfarben nachkoloriert. In hölzernen Boxen wurden die Glasprojektionsbilder in die Niederlande gesandt, wo sie Speelman bei seinen «Palästina-Abenden» zeigte. Diese Veranstaltungen waren evangelikal-religiös geprägt, was auch die Auswahl der von Speelman gekauften Motive beeinflusste. Nach dem Tod Arie Speelmans schenkte dessen Sohn die über 1.000 Bilder umfassende Sammlung dem Jüdischen Historischen Museum in Amsterdam.
Nun sind sie in Deutschland und können noch bis zum 24. Januar 2010 im Jüdischen Museum München betrachtet werden. Dazu ist ein aufwendiger Bildband zur Ausstellung mit dem Titel «Auf den Spuren Abrahams» erschienen. Für dieses sehenswerte, von der Enkelin Speelmans herausgegebene Fotobuch wurden zahlreiche Bilder der Sammlung ausgewählt, kommentiert und nach dem neuesten Stand der Technik reproduziert.
Die Ausstellung «In Farbe! Palästina fotografiert von den Fotografen der American Colony 1898-1931» ist bis zum 24.1.2010 im Jüdischen Museum München zu sehen. Das Buch «Auf den Spuren Abrahams. Das Heilige Land in alten handkolorierten Photographien», herausgegeben von Richard Hardiman und Helen Speelman, erschien 2008 im Münchner Pattloch-Verlag, hat 364 Seiten und kostet 49,90 Euro |