"Das Recht auf Rückkehr"

von Leon de Winter

 

"Das Recht auf Rückkehr", aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers, erschienen bei Diogenes, 551 Seiten, 22,90 Euro.

Der niederländische Bestsellerautor Leon de Winter erweist sich in fast allen seiner zahlreichen, meist an attraktiven internationalen Schauplätzen angesiedelten Romane immer wieder als echter Unterhaltungsprofi: Kaum ein Buch aus seiner an Arbeitstechniken der Filmkunst dramaturgisch wirkungsvoll geschulten Ideenwerkstatt, das man nicht wie den spannendsten Thriller geradezu atemlos in wenigen Stunden verschlingt. Mit einem solchen Leserausch ist allerdings beinahe zwangsläufig, nicht nur bei de Winter, die eigentümliche Erfahrung verbunden, dass man sich schließlich, wenn das eigene Denken das soeben erreichte Ende des Textes noch einzuholen versucht, die aufdringliche, schon zu Schulzeiten nicht gern gehörte Frage stellt: Was will uns der Autor eigentlich damit sagen? Und je weniger man eine Antwort auf diese Frage findet, desto mehr wird man die mit der Lektüre verbrachten Stunden als vertane Zeit abtun. Das Problematische, geradezu Tragische an beinahe allen bisherigen Romanen Leon de Winters ist, dass man trotz seiner ausgeklügelten, schlüssigen Plots sowie eines stets reichhaltigen Fundus von interessanten Ideen und durchaus vielschichtig ausgearbeiteten Charakteren nur sehr selten wirklich das Gefühl hat, dass hier wesentliche Aspekte des Lebens literarisch treffend abgebildet würden. Im Falle seines neuen Romans muss man ihm immerhin zu Gute halten, dass er eine Art Science-Fiction-Polit-Thriller vorgelegt hat, der die genretypische Eigenart für sich in Anspruch nehmen darf, mögliche zukünftige Fehlentwicklungen als warnende Beispiele auch dann in die Handlung zu integrieren, wenn diese hypothetischen Errungenschaften der Zukunft niemals, nicht einmal von dem einfältigsten totalitären Staat der Zukunft, als Fortschritt erkannt werden dürften. So gibt es bei der Einreise in de Winters Version von Israel im Jahre 2024 eine obligatorische Schnellanalyse der DNS auf eine «jüdische Genstruktur», was uns - abgesehen von unschönen Gedanken an Hitlers Rassewahn - zwangsläufig zu der abwegigen Frage führt: können jüdische Gene vor einer Infektion mit radikalem Gedankengut schützen? Die eine prinzipielle, nicht einmal technische Schwäche dieser absurden Schnellprüfung nutzen natürlich die islamistischen Fanatiker der Zukunft, um sich die Einreise in den jüdischen Staat zu erschleichen und sich dort, wie schon seit einem Vierteljahrhundert, in die Luft zu sprengen. Überhaupt zeugen die Zukunftsvisionen Leon de Winters weniger von hellseherischer Fantasie als von einer merkwürdigen Sicht auf die Gegenwart, etwa wenn er ausgerechnet Wladimir Putin als zukünftigen Retter des Judentums prophezeit. Der auf sympathische Art heruntergekommene Protagonist seines Buches, Bram Mannheim, ein einst erfolgreicher Wissenschaftler, der seit dem unaufgeklärten mysteriösen Verschwinden seines vierjährigen Sohnes vor zwanzig Jahren alle sichere Gewissheiten seines Lebens verloren hat, ist in Israel gestrandet, wo er einen Suchdienst für verschwundene Kinder betreibt. Als er bei Nachforschungen einen alten wissenschaftlichen Mitarbeiter wiedertrifft, der mittlerweile für den Geheimdienst arbeitet, gelangt er an hochbrisante Informationen über breit angelegte Kindesentführungen in der Vergangenheit, die in ihm die Hoffnung entstehen lassen, dass sein Sohn möglicherweise noch leben könnte. Leon de Winter erzählt seine von Anfang an mit vielen clever versteckten Hinweisen garnierte Geschichte wie einen klassischen Spionagethriller - wer nicht mehr von der Lektüre erwartet, wird «Das Recht auf Rückkehr» fast ohne Bauchweh verschlingen.

«Jüdische Zeitung», November 2009