Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Noas Alija-Tagebuch. Erster Teil"Nicht etwas übertrieben?"
Als ich zum ersten Mal nach Israel kam, dachte ich, es sei eine Reise wie viele zuvor. Dass sich von da an mein komplettes Leben ändern würde, ahnte ich noch nicht. Bereits kurz nach meiner Ankunft fühlte ich mich, als sei ich «zu Hause» angekommen. Zu Hause in einem völlig unbekannten Land? Wie konnte sich solch ein Gefühl einstellen, noch dazu im Alter von 46 Jahren? Fünf Jahre nach meiner ersten Israelreise stehe ich als Jüdin, die in Deutschland übergetreten ist, kurz vor meiner Einwanderung nach Israel, der Alija. Einige Volontariate folgten auf den ersten Aufenthalt in Israel: anfangs in einem christlichen Pilgerhaus, später in einem jüdischen Heim für behinderte Menschen, und im letzten Jahr drei Monate lang in einem Seniorenheim. Jedes Jahr war ich zweimal in Jerusalem, was mich auf spiritueller Ebene enorm bereicherte. Ich befasste mich immer mehr mit der Tora. Mit Hilfe eines guten Freundes aus Israel verglich ich das hebräische Original und die deutsche Übersetzung. Das Ergebnis, was Übersetzungsfehler und Abänderungen verdeutlichten, machte mich unzufrieden. Ich hatte sehr schnell ein Ziel vor Augen: Eines Tages wollte ich die Tora in ihrer Originalsprache lesen können, um WIRKLICH zu erfahren, was dort geschrieben steht. Nun begann meine Suche nach der Wahrheit und den Wurzeln. Ich lernte Hebräisch auf mehreren Ebenen, einerseits in den Gebeten und der Tora, andererseits Iwrit, das in Israel gesprochene Neuhebräisch. Jeden Tag beschäftigte ich mich mit dieser Sprache, ich liebe bis heute jeden Buchstaben. Nach dem ersten Besuch einer Synagoge bat ich den Rabbiner um Hilfe und fing Schritt für Schritt an, ein jüdisches Leben zu führen. Veränderungen in meinem Alltag begannen mit dem Trennen von milchig und fleischig und dem Verzicht auf Schweinefleisch. Ich hielt einige Schabbatgebote, telefonierte nicht mehr, Fernseher, Internet und Radio blieben am jüdischen Ruhetag stumm. Das rief Reaktionen in meinem sozialen Umfeld in Dortmund hervor. Befremden und Unverständnis, aber auch Interesse und Neugier begleiteten den Prozess. Offene Ablehnung bekam ich nicht zu spüren, jedoch häufiger die Frage, ob das, was ich tat, nicht etwas übertrieben sei? Mit der Zeit gewöhnten meine Freunde sich daran, dass es 25 Stunden in der Woche gibt, in denen man mich nicht telefonisch erreichen kann. Und findet eine Feier statt, weiß man schon, dass ich nur später, nach Schabbatende, dazukommen werde. Dass ich mein eigenes Geschirr im Büro hatte, wurde nach einer Zeit des Spottes akzeptiert, da ich relativ offen, nicht ohne Humor, mit meinem
neuen Weg umging. Es gab auch Kollegen, die mit gelebtem Glauben nichts anfangen konnten, was nicht nur speziell das Judentum betraf. Meine Mutter interessiert sich bis heute nicht für meinen neuen Weg, stellt auch keine Fragen. Religiöses jüdisches Leben ist in Deutschland beinahe unmöglich. Gelegenheiten, koschere Lebensmittel einzukaufen, gibt es nur in Großstädten, der Schabbat ist kein Ruhetag und will man die jüdischen Feiertage begehen, muss man auf Urlaubstage zurückgreifen. Manches Mal fragte ich mich, ob ich vielleicht verrückt bin, diesen Weg voller Hindernisse zu gehen. Zu keiner Zeit jedoch hatte ich Zweifel daran, dass es der richtige für mich ist. Ohne die Unterstützung und Begleitung meines Rabbiners hätte ich es aber sicher nicht geschafft, den Prozess des Giurs, dem Übertritt zum Judentum, vor einem orthodoxen Beit Din, dem Rabbinergericht, zum Abschluss zu bringen.
Ich befasste mich auch kaum mit der Alternative eines liberalen Übertritts, da ich mich schnell an die getrennte Sitzordnung von Männern und Frauen gewöhnte, und auch den Gottesdienst in hebräischer Sprache bevorzuge, was in liberalen Gemeinden nicht immer üblich ist. Hinzu kamen Unterschiede in der Weise, wie die Tora begriffen wird, weshalb ich die Orthodoxie für mich wählte. Nach zweieinhalb Jahren, in denen nicht nur mein Wissen über jüdischen Alltag und Gebete, sondern auch eine intensive Erforschung meiner Motive und Aufrichtigkeit geprüft wurden, nahm ich feierlich die Gebote auf mich und tauchte in der Mikwe, dem Ritualbad, unter. Dadurch bin ich Jüdin gemäß der Halacha, mit einem neuen Namen: Noa. Meine Töchter haben mit Interesse an meinem Prozess teilgenommen, nicht ohne eine gewisse Erleichterung, dass wir nicht mehr denselben Haushalt teilen. So konnten sie meine Veränderungen respektieren, ohne mein jüdisches Leben teilen zu müssen.
Ich werde in Kürze in Israel leben, was nur wenige Menschen nachvollziehen können, da ich einen sicheren Arbeitsplatz gegen einen unsicheren Start in einem schwierigen Land eintausche. Meine Töchter in Deutschland zurückzulassen, hat einen bitteren Beigeschmack, und die Sorge begleitet mich, vielleicht zu scheitern in einer Stadt wie Jerusalem, die den Menschen, die dort leben, ein hohes Maß an Kraft und Durchhaltevermögen abverlangt. Ich bin aufgeregt und gespannt - werde ich Arbeit finden und mich in der neuen Heimat integrieren können?
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