Multikulturalität als Basis

Felix Weltsch - die Wiederentdeckung eines Literaten aus dem "Prager Kreis"

 

Auch für diejenigen, die der immer wieder zu beobachtenden literaturwissenschaftlichen Tendenz skeptisch gegenüberstehen, sich mit nur mittelbar zu erschließenden Persönlichkeiten der Literaturgeschichte zu befassen, hat Carsten Schmidt mit der Monographie über «Kafkas fast unbekannten Freund» Felix Weltsch eine bedeutende Lücke geschlossen, da hier nicht nur eine immer wieder produktive Persönlichkeit des geistigen Lebens Prags in der auslaufenden Donaumonarchie und dann selbständig werdenden Tschechoslowakischen Republik aufgespürt worden ist, sondern auch wesentliche Aspekte des Umfelds erhellt werden, in dem Franz Kafka gelebt und gearbeitet hat.

 

Felix Weltsch wurde 1884 als erster Sohn einer alteingesessenen Prager Tuchhändlerfamilie geboren, deren privates Leben durch einen bemerkenswerten Sinn für die Schönen Künste bestimmt war, während die Pflege der religiösen Tradition zugunsten eines allgemeinen jüdischen Brauchtums bereits in der Elterngeneration von Felix und seinen drei Geschwistern verflacht zu sein scheint. Besondere Bedeutung kam neben dem privat erteilten Musikunterricht einer guten Allgemeinbildung zu, weshalb die Familie ihren Ältesten auf die «Piaristen-Volksschule» schickten, die er zusammen mit Max Brod besuchte, wodurch eine lebenslängliche Freundschaft begründet wurde. Diese Prager Grundschule war in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert, denn sie gehörte nicht nur zu den besten ihrer Art, weshalb sie sich es leisten konnte, Schulgeld zu verlangen, sondern erteilte auch jüdischen Religionsunterricht für die entsprechenden Kinder, obwohl sie von katholischen Priestern des Piaristen-Ordens geführt wurde. Es herrschte also selbst auf der Primarstufe des Bildungswesens nicht nur von seiten der Eltern das Bedürfnis nach einer hohen Qualität der Wissensvermittlung, weshalb sie in diese zu investieren bereit waren, sondern ein allgemeines Klima der wechselseitigen, aufgeklärten Toleranz, an das man zu Zeiten von Streit ums Kruzifix im Klassenzimmer und zunehmender ethnisch und religiöse motivierter Dissimilation nur sehnsüchtig zurück erinnern kann.

 

Freundschaft mit Kafka

 

Fast wie einst Theodor Herzl in Basel: Felix Weltsch, in den 1960er Jahren am Balkon der Familienwohnung in der Jerusalemer Palmach Straße. Foto: Eli und Michael Gornstein

Auch wenn Franz Kafka, um den sich später der Freundeskreis bilden sollte, zu dem Brod und Weltsch gehörten, keine ganz so vornehme Schule besucht hat: Die soziokulturellen Bedingungen waren ähnlich und begünstigten die Entwicklung dieser Generation von jungen Genies, die nicht zwischen Sprachen, Ethnien und Religionen gerieten, sondern die lernten, dass ihnen Multikulturalität als Basis für ihre journalistische, dichterische und philosophische Arbeit dienen konnte. Ihre Gymnasialzeit absolvierten Weltsch und Kafka dann an der gleichen elitären Bildungseinrichtung, dem «Altstädter Gymnasium», um beim anschließenden Jurastudium an der «Prager k. u. k. Deutschen Carl-Ferdinand-Universität» wieder auf Max Brod zu stoßen. Obwohl auch das rechtswissenschaftliche Studium sowohl bei Kafka wie bei Felix Weltsch biographisch wie litararisch sich niedergeschlagen hat, ist wohl von größerer Bedeutung, dass ihre philosophischen Studien, die sie ebenfalls absolvierten, im Spannungsfeld zwischen dem fernen, aber bereits zur Kultfigur gewordenen Franz Brentano (1838-1917) und Christian von Ehrenfels (1859-1932) standen, der in Prag lehrte, wobei sich die drei Freunde im Gegensatz zu den meisten ihrer Kommilitonen schließlich auf die Seite des letzteren schlugen.

 

Die Auseinandersetzungen bestimmten keineswegs nur die akademischen Felder von Philosophie und Psychologie, die damal noch enger mit einander verwoben waren, als das heute der Fall ist, sie setzten sich vielmehr in studentischen Clubs und Cafés fort, von denen vor allem die so genannte Lese- und Redehalle erwähnt werden muss, da dort besonders intensiv neben den zeitgenössischen geisteswissenschaftlichen Strömungen die Erscheinungen der damals modernen Kunst zwischen Richard Wagner, Henrik Ibsen und Leo Tolstoi debattiert wurden. Von Ehrenfels' Einfluss war dabei nicht nur theoretischer Natur, sondern hat - über die psychologisch entsprechenden Dispositionen hinaus - bei Kafka und Weltsch ganz sicher deren Biographien durch die damals skandalträchtigen Überlegungen zur Polygynie beeinflusst; der eine mochte sich nicht so recht für eine einzige Frau entscheiden, weshalb er sich etwa 1914 von seiner Verlobten Felice Bauer trennte, während der andere zwar in diesem Jahr ganz ordentlich heiratete, aber schnell dazu überging, seine Ehe in Tagebucheintragungen mit spöttischen Bemerkungen zu überziehen. So muss es nicht verwundern, dass seine acht Jahre jüngere Frau Irma, geborene Herz, schnell eheliche Auseinandersetzungen suchte, spätestens zehn Jahre später unter heftigen Depressionen und sich häufenden hysterischen Anfällen zu leiden hatte, die auch klinische Behandlungen notwendig machten, weshalb die Familie schließlich nur noch durch eine Tochter einigermaßen zusammen gehalten wurde.

 

Fast überflüssig bleibt zu erwähnen: Die Heirat seines Freundes Felix stieß auf die heftige Eifersucht Franz Kafkas, der zuvor schon Brod an eine Frau verloren hatte und meinte: «Ein verheirateter Freund ist keiner», weshalb er ihn wie wohl auch den Dritten im Bunde - Max Brod - fast mit Ausschließlichkeit einer «junggesellenhaften Brüderschaft» (Kafka) für sich beanspruchte, wenigstens des gemeinsamen Kunstgenusses oder der literarischen Erörterungen wegen, was beides in abendlichen Veranstaltungen in den vorangehenden Jahren zu verschiedenen Höhepunkten geführt hatte: Selbst Max Reger und Christian von Ehrenfels gaben sich bei den Weltschs musizierend die Ehre, während von der jungen Irma Herz berichtet wird, sie habe so betörendschön Klavier gespielt, dass Felix diesem Wohlklang erlegen sei. Man war aber auch sportlich zu Gange: im exklusiven Ambiente des Belveder-Parks wurde Tennis gespielt.

 

Zionismus als Vision

 

Beruflich waren für Felix Weltsch die letzten Jahre vor dem Ersten Weltkrieg von entscheidender Bedeutung, da es ihm nicht nur gelang, über eine juristische Promotion hinaus 1911 noch in Philosophie diesen akademischen Grad zu erreichen, sondern neben der Tätigkeit als Bibliothekar für verschiedene Zeitungen journalistisch tätig zu werden und bereits 1912 zusammen mit Max Brod eine erste philosophische Schrift zu veröffentlichen: «Anschauung und Begriff». Inhaltlich näherte sich Weltsch im Laufe der Jahre publizistisch so weit zionistischen Positionen an, dass er 1919 die Leitung der «Selbstwehr» übernahm, für die er auch wesentliche Beiträge schrieb. Diese Position im führenden Organ der Prager Zionisten hatte er bis 1938 inne, betreute aber nebenbei noch die zionistische Kongresszeitung, ging auf Vortragsreisen und behielt darüber hinaus seinen Posten bei der Prager Bibliothek, wo er 1931 zum Bibliotheksrat ernannt wurde.

 

Theoretisch und in verschiedenen journalistischen Arbeiten unterstützte Weltsch die junge tschechische Demokratie, dessen erster Staatspräsidenten Tomáš Masaryk (1850-1937) besonders vertrauenswürdig erschien, weil er als Professor der Philosophie und profunder Kenner des Judentums viele Affinitäten zum leitenden Redakteur der «Selbstwehr» mit in sein Amt brachte. Das zionistische Organ verstand sich jedoch keinesfalls als ausschließlich politisches Sprachrohr im Gefolge Theodor Herzls, obwohl dessen 25. Todesjahr 1929 eine ausführliche Widmung hervorrief, sondern vor allem als literarisch-kulturelle Revue, die nach dessen Tod auch Texte Franz Kafkas abdruckte und durch Max Brod ausführlich besprechen ließ. Insofern spiegelte die «Selbstwehr» zum einen die Mehrfachbegabung ihres Herausgebers wider, zum anderen blieb damit über eine bestimmte Zeit der «Prager Kreis» um Franz Kafka über dessen Tod (1924) hinaus erhalten - im weiteren Sinn bis zum Jahr 1937, als der 6. Band seiner Tagebücher und Briefe gewürdigt wurde.

 

Felix Weltschs Beschäftigung bei der «Selbstwehr» wurde durch das «Münchner Abkommens» beendet. Die Besetzung des Sudentenlandes durch die Deutschen führte dazu, dass die Wochenzeitung im Oktober 1938 eingestellt werden musste. Die anschließende Emigration ihres Chefredakteurs erfolgte also keinesfalls freiwillig oder als Resultat seiner Arbeit bei einer zionistischen Zeitung, die er fast 20 Jahre lang geleitet und maßgeblich beeinflusst hatte. Buchstäblich mit dem letzten Zug, der die tschechische Hauptstadt verließ, gelang diesem Teil der Familie Weltsch Mitte März 1939 zusammen mit den Brods die Flucht nach Palästina. Fast absurd wirkt, dass die Reisegruppe, nach endloser Bahnfahrt in Constanza angekommen, auf der Flucht noch Zeit und Nerven fand, in Athen die Akropolis zu besteigen. Eine solche Episode wirft jedoch ein Licht darauf, wie intensiv diese Prager Intellektuellen zugleich in abendländischer Tradition und jüdischer Kultur verwurzelt waren, wenn sie der einen gedachten, während sie der anderen wegen, freilich ohne eigenes Zutun, ins Exil getrieben wurden.

 

Angekommen in der Wirklichkeit

 

"Kafkas fast unbekannter Freund - Leben und Werk von Felix Weltsch. Zionist, Journalist und Philosoph": Carsten Schmidt, Verlag Königshausen und Neumann, 380 Seiten, 48,00 Euro.

Der Neuanfang in Haifa gestaltete sich schwierig, weil kaum Wohnraum verfügbar war, aber aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse auch keine beruflichen Perspektiven in einem Land bestanden, das für sie aus der Entfernung ideologisch als «verheißen» gegolten hatte, ihnen nun aber real als bloßer Ort des Asyls gegenübertrat. Weltsch ist wohl nie vollständig in Israel angekommen, denn er blieb sowohl beruflich wie literarisch immer seiner Vergangenheit und dem Gedenken an den «Prager Kreis» verpflichtet. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass er 1940 in Jerusalem wieder einen Bibliothekarsdienst antreten konnte, den er über seine Pensionierung 1954 hinaus ausübte und wegen seiner literarischen Tätigkeiten zudem auch öffentlich geehrt wurde.

 

Tragisch ist aber Felix Weltschs Schicksal aus anderem Grund zu nennen. Denn es kann nicht übersehen werden, in welchem Maß bei ihm Überzeugungen und Biographie mit dem übereinstimmen, was bei seinem akademischen Lehrer Christian von Ehrenfels zu finden ist: Dieser wurde nicht von ungefähr nach 1933 als Kronzeuge einer sozialdarwinistisch ausgerichteten Eugenik herangezogen. Und: Es ist eben kein Zufall, dass die Familie Weltsch mit der von Ehrenfelsschen verknüpft ist, die wiederum mit Houston Stewart Chamberlain befreundet war, der als Protagonist des germanischen Rassenwahns gilt. Ein Umstand, der so befremdlich erscheint wie der, nachdem dieser Schwiegersohn Richard Wagners ebenfalls die höchste Wertschätzung des christlich ausgerichteten Arzts und Humanisten Albert Schweitzer erfuhr.

 

Hier steht eine kritische wissenschaftliche Aufarbeitung noch bevor, denn im Prag der Jahrhundertwende war die ökonomische und kulturelle Elite derart von ihrer sozialen Überlegenheit eingenommen, dass das dabei erzeugte ideologische Blendwerk sie über die Gefahren hinwegtäuschte, die den bereits seit der frühen Romantik mit einander verknüpften misogynen und antisemitischen Theorien tatsächlich inne wohnten, obwohl der Antisemitismus des späten Wilhelminismus schon hinreichend Zeichen hierfür gesetzt und beim auch im «Prager Kreis» verehrten Richard Wagner bereits seine Blüten getrieben hatte.

 

Fast abbildhaft entspricht das Leben des alternden Felix Weltsch den späten Jahren seines philosophischen Vorbilds Ehrenfels. Beide ziehen sich weitgehend aus einer gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeit zurück, die sie enttäuscht hat, weil sie ihren Idealen nicht mehr entspricht. Auch der 1964 in Jerusalem verstorbene Weltsch hatte sich, wie Ehrenfels zunehmend dem engen familiären Kreis zugewandt.

 

Die Fallhöhe war freilich je unterschiedlich, denn für Ehrenfels brach mit dem Ersten Weltkrieg ein scheinbar kosmologisch abgesichertes philosophisches Ordnungssystem zusammen, das er dennoch nie widerrufen hat, während schon der junge Felix Weltsch «alles revocirend» auf Abstand zu der auch in Prag weit verbreiteten und von ihm zeitweilig geteilten Deutschtümelei ging. Über seine Exilierung hinaus sind aber die Anordnungen der Bibliothekswelt erhalten geblieben, deren Systematik bis heute maßgeblich auf ihn zurückgeht.

 

Karl Reininghaus

«Jüdische Zeitung», Juni 2010