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«Wir haben unsere Stimmen gegeben»Leise Töne prominenter Künstler ganz «Laut gegen Nazis»
Seit gut zweieinhalb Jahren macht die nationale Kampagne «Laut gegen Nazis» von sich reden. Kürzlich wurde eine zweite Edition an Hörbüchern vorgestellt, die Opferberichte, Verhörprotokolle und Lyrik zu Mitteln des Kampfes gegen rechts macht. Gemeinsam mit der Amadeu Antonio Stiftung, der Universal Music Group mit ihrem Hörbuchlabel der Deutschen Grammophon, gefördert von BMW und Skoda, sind seit wenigen Tagen drei neue Hörbücher als Doppel-CDs auf dem Markt. Stefanie Kloß und Andreas Nowak, zusammen das Pop-Duo «Silbermond», lesen Gedichte von Ruth Rosenfeld und Auszüge aus dem Leben der Lucille Eichengreen. Beide haben «versucht, diesen Lebensgeschichten unsere Stimme zu geben und es war uns eine Ehre, das machen zu dürfen. [...] hey, wie viele Leute unterschätzen dieses Thema», heißt es in einer Presseerklärung der Band. Auf der zweiten Doppel-CD sind Julia Westlake, Noah Sow und Jo Brauner gemeinsam mit dem Zeitzeugen Uwe Storjohann, zu hören. Jörn Menge, Vertreter der Kampagne «Laut gegen Nazis», erzählt aus der Produktionszeit der CDs: Jo Brauner habe sich so sehr in die Verhörprotokolle Adolf Eichmanns eingelesen, den Massenmörder so authentisch wiedergegeben, dass man fast den Künstler selbst gehasst habe. Noah Sow, die Auszüge aus Hannah Arendts «Eichmann in Jerusalem» liest, sei «auf 180» gewesen und Julia Westlake meinte nach dem Einsprechen der Opferberichte von KZ-Häftlingen, man könne die Viehwaggons beinahe hören... «Die Rechten haben internationale Symbole, die sie nutzen. „Laut gegen Nazis" könnte ein internationales Symbol gegen rechte Gewalt werden», so Smudo, der gemeinsam mit Peter Lohmeyer Gedichte und Kurzgeschichten von Werner Fink auf der dritten neuen CD liest. Weitere Editionen, noch in diesem Jahr, sind mit Heinz Rudolf Kunze und Tobias Kinzel von den «Prinzen» in Vorbereitung, die auch musikalisch für «Laut gegen Nazis» auf der Bühne gestanden haben. Dabei wird es unter anderem um geheime britische Abhörprotokolle nach dem Krieg festgenommener Nazi-Generale gehen. Öffentlichkeits- und Basisarbeit zu «Rechte Gewalt kann jeden treffen» sind ein Schwerpunkt der Kampagne. So soll die neue Hörbuch-Edition in erster Linie als Ergänzung der Arbeit von Lehrern und Erziehern verstanden werden. Viele Verlage verzichteten zu Gunsten der Kampagne auf ihre Lizenzgebühren, Sonderpreise im Tonstudio ermöglichen einen moderaten Preis für Schüler, Schulen oder Phonotheken. Die Bühnenpräsenz von national populären Künstlern ist das Hauptmittel der Arbeit von «Laut gegen Nazis». So hat die Initiative in der Nähe von Pößneck ein HipHop-Konzert für Jugendliche veranstaltet, die sich aktiv gegen die Verfügungsgewalt des rechtsradikalen Anwaltes Jürgen Rieger über das Schützenhaus der Stadt eingesetzt hatten. Eigentlich sollte das Konzert direkt in der thüringischen Kleinstadt stattfinden. Ein lange avisiertes Gespräch mit dem Bürgermeister wurde eine knappe Stunde vorher abgesagt: Der Kommunalpolitiker wolle nicht «mit linksextremen Zellen aus Hamburg» sprechen, hieß es den Organisatoren von «Laut gegen Nazis» gegenüber. «Hier hat ein gewählter Volksvertreter dem Druck von rechts im Kleinen nachgegeben», erklärt Menge. «Der wird schlimmer und immer extremer. Viel zu viel an Alltagsantisemitismus und Alltagsrassismus wird einfach heruntergespielt», so Menge weiter. «Wir sind schon wieder so weit, das die Rechten einen solchen Druck ausüben, das in einigen Regionen die Kartenverkäufe unserer Konzerte schleppend anlaufen: Eltern haben Angst vor Randale, es gibt Orte, an denen sie abends ihre Kinder nicht mehr auf die Strasse, geschweige denn in unsere Konzerte lassen». Trotzdem macht «Laut gegen Nazis» weiter. Am 9. Mai wird Ingo Pohlmann in der Hamburger Prinzenbar Lieder unter dem Motto «Wenn jetzt Sommer wär'... ganz ohne Nazis» singen, anschließend wird zu einer deftigen «Laut gegen Nazis»-Party geladen. Am 29. Mai sind «Die Phantastischen Vier» mit Smudo in der Stadthalle Wunsiedel zu erleben. Vom 22. - 24. Juni kooperieren das «Hurricane Festival» sowie das «Southside Festival» mit «Laut gegen Nazis» und werden etwa 90.000 Besucher erreichen. Am 27. Juni wird es ein Open-Air-Konzert in Halle geben. Zwischen den einzelnen Show Acts für die geplanten bis zu 8.000 Zuschauer beziehen Politiker, Künstler, Vertreter der Gesellschaft und der Industrie und sogar Opfer rechter Gewalt öffentlich gegen Nazis Stellung. «Laut gegen Nazis» hat dabei einen so hohen Stellenwert und Popularitätsgrad erreicht, dass viele heutige Kooperationspartner des Hallenser Konzertes von sich aus auf die Organisatoren zugegangen sind: Die Messegesellschaft Halle war Impulsgeber, das Opernhaus Halle wird technisch und logistisch unterstützen, das Leipziger BMW-Werk sponsort den Abend, der zudem von eine Reihe mittelständischer Unternehmen gefördert wird. Sachsens Innenminister Holger Hövelmann appellierte schriftlich an die Wirtschaft des Bundeslandes, die Veranstaltung auf stabile finanzielle Füße zu stellen, die Oberbürgermeisterin von Halle, Ingrid Häußler, erklärt, dass es für ihre Stadt selbstverständlich sei, die Veranstaltung zu unterstützen, um «wiederholt ein klares Zeichen gegen rechts zu setzen». Politik, Wirtschaft, Gesellschaft in einem Boot. «Laut gegen Nazis» hat sich zum Ziel gesetzt, alle zivilgesellschaftlichen Kräfte gegen alte Nazis und Neonazis aufzubringen. Die Verharmlosung der rechtsradikalen Szene wird dabei mit Sorge angeprangert: «Das sind keine „Dumme-Jungen-Streiche" mehr», betont Menge, der auch einen ganz privaten Hintergrund zu seinem persönlichen Engagement hat: Aus einer so genannten «Täterfamilie» stammend wurde er als jugendlicher Punker vom sonntäglichen Mittagstisch der Familie verbannt: «So was wie Dich hätten wir früher ins Lager gesteckt». |