«Du hast das doch damals gedreht…»

Die «Draufsicht auf den Augenblick» scheint unwiederbringlich verlorenzugehen. Es sei denn, es gibt ein Geschenk!

Immer wieder und wieder höre ich Ròza Berger-Fiedler von ihren Filmen aus der Wendezeit berichten. Gesehen habe ich die wenigsten. Warum eigentlich nicht? Ganz einfach: Ich habe ein Laptop auf Reisen, einen PC im Büro, ein DVD-Player steht im Wohnzimmer. Ròza hingegen hat Filmrollen, ganz wie früher. Doch Träumereien über die «gute alte Zeit», als «die Bilder laufen lernten», ist hier völlig fehl am Platze – im Gegenteil: Es ist Gefahr im Verzug für eines der wichtigsten deutsch-jüdischen Filmarchive überhaupt. «Ròza, wir müssen reden…», sage ich kurzentschlossen. Und das tun wir dann auch.

Wer sich mit Ròza Berger-Fiedler verabredet, muss viel Zeit mitbringen. Schon nach ihren ersten Sätzen wird mir klar: Der Kuchen, den ich aufgetischt habe wird nicht reichen, schlimmer noch: auch die guten zwei Stunden, die ich für das Gespräch mit der engagierten Filmemacherin eingeplant habe, ebenfalls nicht.

          Ròza hat viel zu erzählen. Geschichten vom Geschichtenfinden, vom Filmemachen und vom jüdischen Leben in Deutschland – sowohl in der ehemaligen DDR als auch in der neuen Bundesrepublik. Hinter jeder Geschichte stecken dann wieder Geschichten, verbergen sich Menschen mit ihren Schicksalen, Autoritäten mit ihren Bestimmungen, gesellschaftliche Zu- und Misstände. Das alles erzählt sie mir zu jedem Film, auf den wir zu sprechen kommen, zeigt Fotos dazu, verweist auf Sendungen und Beiträge – und so ist es nicht verwunderlich, dass man mit Ròza sicher einen ganzen Tag verbringen könnte, ohne das einem auch nur eine einzige Minute langweilig würde.

          Dass die Regisseurin und Produzentin dabei in diesem Dezember ein großes Geburtstagsjubiläum feiert, will ich gar nicht glauben. Ich musste ihr fest versprechen, die Zahl vor der Null nicht zu verraten – aber ich hätte ihr ohne schmeicheln zu müssen gut und gerne zehn Jahre weniger gegeben. Das hört «Frau» doch gerne! Noch dazu neidlos von «Frau».

          In Frankreich als Kind polnischer Juden geboren, kehrte sie mit Vater und Bruder, die Mutter war in Belgien verstorben, nach der Schoa ins kommunistische Polen zurück. Der Vater ist Kommunist und versteht die Welt nicht mehr, als er wenige Jahre später erneut aus der polnischen Heimat gehen musste – diesmal vor den ideologisch eigenen Klassenbrüdern und dem zunehmenden Antisemitismus. Israel wurde es nicht, dort herrschte Krieg und beide Kinder sollten endlich friedlich aufwachsen. Doch Westdeutschland sollte es auf keinen Fall sein. So wuchs sie in der ehemaligen DDR auf.

          Ròza Berger-Fiedler hat in diesem Staat eine fast klassische DDR-Karriere als Filmemacherin hingelegt. Aber eben nur fast. Die großen Parteitagsfilme durfte sie niemals drehen. Denn schon beim Studium fiel sie auf, durch Bemerkungen, Diskussionen und Redebeiträge im politischen Leben, durch Referate und Arbeiten an der Theaterhochhochschule Leipzig sogar ein wenig mehr als nur «aus der Rolle» – jedenfalls politisch. Schließlich wurde sie deshalb sogar exmatrikuliert, trotz ihres Status als «Verfolgte des Naziregimes» als eine von Vieren. Sie absolvierte die Kulturwissenschaftliche Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin und wurde anschließend Persönliche Referentin des damaligen Rektors der Babelsberger Filmhochschule, wo sie ein postgraduales Studium begann.

Politischer «Knatsch» allein, wie Ròza es nennt, war in der Szene noch nichts Ungewöhnliches: Viele Studenten in künstlerischen Fächern zählten zu den Kritikern des Regimes. Einigen war das eben «chic», einige wenige meinten es ehrlich – für Ròza war es immer Letzteres.

          Nach der Ausbildung avancierte sie – mehr oder weniger ungewollt – zu einer Art «Vorzeigejüdin» des DEFA-Studios für Dokumentarfilme, das auch für das DDR-Fernsehen produzierte. So gut wie alle Beiträge zu jüdischen Themen übergab man seit 1974 Ròza, parallel auch Aufträge zu vielen «Frauenthemen», vor allem aber zu sowjetischen und deutsch-sowjetischen, denn schließlich beherrscht sie die russische Sprache perfekt.

 

«Wir hatten eine sehr kreative Zeit…»

Bis 1992 war sie festangestellt beim Dokumentarfilmstudio, ihre Filme gehörten bis zum letzten Tag zu den Magazinbeiträgen des DDR-Fernsehens. «Ich habe damals viel gedreht: Die DDR erkannte Israel an, die staatliche Fluggesellschaft „Interflug“ flog plötzlich nach Tel Aviv, Heinz Galinski, damals Vorsitzender der West-Berliner jüdischen Gemeinde, kam mehrfach nach Ost-Berlin. Wir haben damals einfach auf der Strasse gedreht, wir haben uns die Freiheit einfach „genommen“, wir haben die Skripte geschrieben, gedreht, montiert, die Musik bearbeitet – es war eine unglaublich kreative Zeit. Manchmal haben wir auch unter dem „Deckmantel“ eines Films alles Mögliche gedreht, was wir unbedingt zeigen wollten.»

Als aus dem DDR-Fernsehen der «Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg» ORB und der «Mitteldeutsche Rundfunk» wurden, hoffte Berger-Fiedler, hier mit ihren jüdischen Themen und durchaus auch kritischen Blicken heimisch werden zu können. Doch weit gefehlt. Obwohl Ròza sehr gute Beziehungen zur Kirchenredaktion unterhielt und darüber gelegentlich bis weit in die Mitte der 1990iger Jahre auch Beiträge senden lassen konnte: In der Intendanz, in Sendeleitungen und Chefredaktionen saßen noch zu viele von den Alten und so warfen ORB und MDR ihr vor, «unreife, politisch nicht tragbare» Filme zu machen, etwa als sie ein Expose über die Situation der russischen Juden vorlegte. Schließlich würden die Ost-Deutschen mit Themen wie dem Antisemitismus noch nicht umgehen können.

          «Wir» – das waren der Dokumentarist und Kollege Harry Hornig, Britta Unterdörfer, engagierte Musikredakteurin und schließlich ein West-Berliner Kollege, evangelischer Journalist, «stiller Teilhaber» aus «dem Westen», erst emotional, dann auch finanziell. Mit den Dreien hat Ròza 1990 die «Babel Film und Video» gegründet, die sie zum beständigsten deutsch-jüdischen Dokumentarfilmzentrum ausgebaut hat. Bis heute ist das Unternehmen auch Träger des Fernsehmagazins «Babel TV», des einzig regelmäßigen jüdischen Fernsehprogramms europaweit. Im gleichen Jahr wurde Ròza Mitglied der ökumenisch-kirchlichen Filmorganisation «Interfilm», einer international aktiven und interdisziplinär vernetzten Schnittstelle rund um das Medium Kurzfilm.

 

Im «Westen» angekommen

«In der Wendezeit hätten wir sonst doch nur herumgesessen», erinnert sich Ròza. «Irgendwie war das eine sehr „schöpferische Pause“, aber eben nur gedanklich. Natürlich mussten wir uns auch auf die neuen Gegebenheiten einstellen, auf die „Freiheit“ einerseits – aber auch auf den Druck der kommerziellen Konkurrenz andererseits. Die war sofort in der Spur…

Gearbeitet haben wir in dieser Zeit wie verrückt, auch, wenn scheinbar niemand mehr unsere Beiträge haben wollte.» Dafür wurde Ròza seit 1988 zunehmend mehr «im Westen» bekannt. Man wusste dort von der einzigen jüdischen Dokumentaristin der DDR. Mit ihrem Streifen «Erinnern heißt Leben» fuhr sie in diesem Jahr erstmals nach Westberlin – zu einem ökumenischen Kirchentag. Sogar Galinski hatte von der Voraufführung des Films bei einer internationalen jüdischen Konferenz 1987 in der damaligen DDR-Hauptstadt gehört und war auch bei der Premiere ein Jahr später dabei. Ròza erinnert sich daran, dass Galinski sie sogar fragte, ob sie vorstellen könne, auch einen Dokumentarfilm über die West-Berliner Gemeinde zu drehen. Schon das Ansinnen allein war selbst in den letzten Monaten der DDR eine Sensation in der Filmemacherszene des Ostens.

          Die Titel ihrer Filme und Magazinbeiträge aus den «Wendejahren» sprechen für sich: «Herr Schmidt von der Gestapo» hatte vier Monate vor dem Fall der «Mauer» Premiere, «Erinnern heißt Leben», von dem eine Kopie im Jerusalemer Holocuats-Dokumentationszentrum «Yad Vashem» liegt, schon im Januar 1988. Ihr Rosa-Luxemburg-Film «Liebster Dziodzio» findet sich im Archiv des Filmmuseums Potsdam. Berger-Fiedler und ihr Team haben das Leben der acht jüdischen Gemeinden in der DDR festgehalten, auch ihre Wachsen, ihre Veränderungen, mit der beginnenden Einwanderung russischsprachiger Juden. Sie haben 1987 das erste Konzert von Oberkantor Estrongo Nachama mit dem legendären Magdeburger Domchor in der Synagoge Rykestrasse dokumentiert, gemeinsam mit der angesagtesten Kultfigur des westdeutschen Dokumentarfilms, Guido Knopp, gearbeitet und für ihn Zuarbeiten zu seinem Film zum 50. Jahrestag der «Reichskristallnacht» produziert. Mit «Mir leben ewig» ist Ròza eine einzigartige Dokumentation der «Jiddischen Kulturtage» in Ost-Berlin gelungen, die in ihrem West-Berliner Gegenstück aufgegangen sind. Parallel zu «Herrn Schmidt» entstand ein zweiter Film, der sich, breiter angelegt, mit den Kriegsverbrecherprozessen in der DDR befasste, «Im Namen des Volkes», und immerhin im DDR-Fernsehen gezeigt wurde.

In ihrer alten Heimat Polen ist sie die Strecke der Agitationstouren von Rosa Luxemburg im Reichstagswahlkampf mit der Kamera nachgefahren, ebenso Aufsehen erregend hat sie nicht etwa am 3. Oktober 1990 die Sektkorken knallen lassen, sondern war unterwegs: In jener Nacht hat sie deutschlandweit die ehemaligen Helden interviewt und so einmalige emotionale Momente großer Männer und Frauen wie kleiner Leute von der Straße festhalten können.

 

Schicksale festgehalten

Besonders ihre Filme aus der Sowjetunion haben ein Alleinstellungsmerkmal: In sowjetischen Archiven hat sie nach Originalfotos, -dokumenten, -artefakten und -briefen gekramt, so lange, bis sie beispielsweise die Briefe der Luxemburg fand, die auf Grund einer Anweisung von Lenin in Moskau lagen. Ròza ist zwar eine kleine, aber sehr resolute Frau: Kein sowjetischer Archivar, der jeden anderen DDR-Forscher abgewiesen hätte, wollte sich wirklich mit ihr anlegen! Und auch in Warschau wurde sie fündig: Hier fand sie die Herbarien ihrer Namensvetterin, der liebenden Frau, der Kunstkennerin. Auch – und vor allem das – war die Revolutionärin war sie für Ròza.

Eine auf sieben Jahre konzipierte und sogar vertraglich fest vereinbarte Dokumentation über das «Centrum Judaicum – Stiftung neue Synagoge Berlin» hat ebenso ein besonderes Schicksal: Noch vom DDR-Fernsehen in Auftrag gegeben, wurde der Vertrag vom ORB weitergeführt, die letzte Rate dann von der ARD bezahlt. Vier Filme sind daraus geworden, denen das Eigentliche jedoch fehlt: Die Eröffnung selbst durfte sie nicht mehr drehen: Die Rechte dafür hatte Jerzy Kanal, Galinskis Nachfolger, an einen «West-Sender» verkauft.

          Alles in allem war Berger-Fiedler von den Entscheidungsträgern in den Medien der Wendezeit enttäuscht – zumindest von der älteren Generation: Sie hatte das ganz bestimmte Gefühl «wer durch die NS-Erziehung gegangen ist, der denkt noch immer mit diesen Wurzeln, das kam in den „Wende-Monaten“ im Umgang mit den Menschen ganz klar zum Vorschein», resümiert sie.

 

Gefahr im Verzug

Viel Zeit ist seitdem vergangen. Deutschlandweit wird der 20. Jahrestag der deutschen Einheit gefeiert. Doch wenn Deutschlands Juden nicht aufpassen, bleibt eine ihrer wichtigsten Dokumentaristinnen bei der ganzen Jubelei auf der Strecke. Alle Filme, an denen Ròza die Aufführungsrechte hält, liegen in ihrem Archiv. Auf 35- oder 16-Millimeter-Zelluloid, als Betacam SP oder als Magnetbänder, warten sie darauf, wiederentdeckt zu werden. Doch zuvor gilt es, diese Dokumente zu sichern.

«“Ròza, Du hast das doch damals gedreht“ – mit diesen Worten kommen heute Menschen zu mir, die sich privat erinnern wollen, die forschen, die neu dokumentieren, und ihnen allen kann ich sagen: Ja, habe ich… hier steht’s. Und dann zeige ich in mein Archiv auf die technisch veralteten Bänder.»

          Mehr ist finanziell im Moment für das kleine Unternehmen «Babel TV» nicht zu machen. «Das Material müsste gesichtet, geordnet und dann mit mir gemeinsam digitalisiert werden, auch das viele ungeschnittene Rohmaterial enthält sicher noch Wichtiges. Wenn das nicht schleunigst auf modernen digitalen Medien archiviert wird, ist es in einigen Jahren unwiederbringlich verloren», seufzt Ròza und hält dabei eine Filmrolle nach der anderen liebevoll hoch. Ein wenig scheint sie mir dabei dieser Welt entrückt, in ihre eigene, die des Zelluloids. Doch sofort ist sie wieder hellwach: «Nicht, dass Du glaubst, wir hätten uns nicht bemüht – beim Berliner Kulturstaatssekretär zum Beispiel stehen wir seit zwei Jahren „auf der Agenda“, wie man uns wissen ließ», versichert mir Ròza und zählt noch viele andere Klinken auf, die sie brav geputzt hat. Doch noch scheint die Geschichte zu jung zu sein, als das sich die Offiziellen der deutschen jüdischen Gemeinschaft oder auch der Medien darum bemühen, das Archiv der Berger-Fiedler aktiv zu erhalten: «Wir hoffen so sehr, dass die Juden begreifen, was für Schätze wir hier eigentlich haben. Wenn jeder Jude in Deutschland nur einen einzigen Euro spenden würde, dann wäre unser Medienarchiv gerettet!»

          Ich muss mich schon sehr zusammenreißen, um nicht doch noch ihr wahres Alter zu verraten – aber: versprochen ist versprochen! Dennoch: Gerne würde ich mit diesen Zeilen dazu beigetragen haben, Ròzas größten Geburtstagswunsch für den 17. Dezember zu erfüllen.

 

Carolin Borchardt

«Jüdische Zeitung», November 2010