Sternoglyphen: Die Malerin Else Lasker-Schüler.

Else Lasker-Schüler setzt Poesie ins Bild. Das Jüdische Museum in Frankfurt zeigt die Bilder der Dichterin.

Es dürfte kaum jemanden gegeben haben, der Liebe, Leben und Kunst so verwoben hat wie Else Lasker-Schüler. Ganz selbstverständlich hat sie etwa die Briefe an ihren Mann Herwarth Walden zu einem Prosawerk «Mein Herz» fortgeschrieben, und ihrem verehrten Freund Peter Hille, der sie als Jüngerin der Lyrik gewann, hat sie im «Peter Hille-Buch» ein Evangelium hinterlassen, im dem sie selber als Tino auftaucht. Und dann gewinnt sie Gestalt in dem Buch «Die Nächte der Tino von Bagdad». Sie datiert ihr Geburtsdatum um Jahre zurück – sie ist am 11. Februar 1869 in Elberfeld bei Wuppertal geboren – und gestaltet zu Lebzeiten ihre Biographie. Sie wird der Prinz von Theben. Selbst ihre Freunde wissen manchmal nicht so genau, wo die Linie zwischen der Welt ihrer Imagination und der Welt verläuft. War sie wirklich in Moskau, um ihren Freund Senna Hoy aus der Haft zu befreien? Oder hat sie «nur» davon erzählt? Sie war dort, das belegen eindeutig Dokumente. Aber war Senny Hoy auch der Vater ihres Sohnes Paul? Immerhin hat ihr Mann Berthold Lasker, mit dem sie bis 1903 offiziell verheiratet war, die Vaterschaft des 1899 geborenen Sohnes anerkannt – offiziell.  Wie ein Vater kümmerte sich aber ihr zweiter Mann, Herwarth Walden, um den Jungen. Bis zur Scheidung 1910. Irgendwie war aber der Sohn Paul auch eine Wiederauferstehung ihres geliebten Bruders Paul, der 1882 an Tuberkulose starb. 1927 stirbt dann auch ihr so sehr geliebter Sohn Paul an Tuberkulose.

 

Die Biographie, ein Roman

 

Sigrid Bauschinger hat für ihr 2004 erschienenes Buch «Else Lasker-Schüler. Biographie» sowohl autobiographische Texte wie dokumentarische Quellen durchforstet und das Leben der Künstlerin nachgezeichnet. So ist eine faktenreiche Biographie entstanden. Ganz anders hat sich Kerstin Decker 2009 dem Stoff genähert. In «Mein Herz – Niemandem. Das Leben der Else Lasker-Schüler» beansprucht sie, die innere Wahrheit der Dichterin zu erzählen. Und ihr Buch ist mitreißend geschrieben. Kerstin Decker hält sich nicht mit minutiösen Jahresangaben auf sondern nimmt den Leser mit in den Entwicklungsstrang der Dichterin. Und lesend lässt man sich einladen zu einem Besuch im Café des Westens, wo Else Lasker-Schüler Liebesbriefe an ihren zweiten Mann Herwarth Walden schreibt. Und wir folgen ihr in das Haus in Eberfeld, wo sie aufwächst und den ersten Schock ihres Lebens erfährt: den Tod des Bruders Paul. Und wir lernen den Poeten-Landstreicher Peter Hille kennen, der die junge Else zum Dichten verführt. Und da, spätestens, stimmt es nicht mehr, da kippt die Biographie von Kerstin Decker um in Geschichtsklitterung. Decker nutzt literarische Techniken für ihre Biographie und hat so letztlich keine Biographie, sondern einen Roman auf dem Rücken von Else Lasker-Schüler geschrieben. Zu allem Überfluss unterfüttert die Autorin ihren Roman mit Behauptungen über das wahre Dichtersein, dem ideal-identisch Else Lasker-Schüler entspricht. Und in diesem Dichterin-Roman kommt die Künstlerin Else Lasker-Schüler, deren Bilder derzeit im Jüdischen Museum Frankfurt am Main gezeigt werden, leider gar nicht vor. Doch diese Zeichnungen gehören auch zur inneren Wahrheit der Else Lasker-Schüler.

 

Die Malerin

 

Zuerst hat sie in Briefen an Freunde Sternchen, Monde, Augen und allerlei kleine Piktogramme eingefügt. Die Bildmotive wuchsen sich mehr und mehr zu Zeichnungen aus, bis sie schließlich zu eigenständigen Bildern wurden. Erstaunlicherweise fand Else Lasker-Schüler erst zu ihrer Identität als Malerin, nachdem sie Dichterin geworden war. Ihr Outing als Dichterin erfolgte 1902 mit dem ersten Gedichtband Styx. Zuvor, als sie 1894 mit ihrem ersten Ehemann Berthold Lasker von ihrer Heimatstadt Elberfeld bei Wuppertal nach Berlin umgezogen war, nahm sie Zeichenunterricht bei dem Maler Simson Goldberg, einem Schüler Max Liebermanns. Seit spätestens 1896 hatte sie ein eigenes Atelier im Tiergartenviertel gemietet. Erst als sie längst kein Atelier mehr hatte und bereits Dichterin geworden war, verlieh sie ihren Worten in Zeichnungen Leben. Dann saß sie entweder in einem Café, vorzugsweise im Café des Westens, oder wärmte sich winters in der Post auf, und zeichnete in Briefe hinein, auf Briefumschläge, Postkarten oder auf Telegrammpapier. Und irgendwann wurden die Zeichnungen koloriert und collagiert mit Bonbonpapier oder Goldfolie.

Mit Franz Marc, dem Maler der blauen Pferde und grellbunten Tiere, begann im November 1912 eine Schreib- und Zeichenkorrespondenz, die sie gegenseitig animierte. Franz Marc nahm ihre Sternchen- und Mondmotive in seine Tierbilder auf und Else Lasker-Schüler übernahm seine Motivwiederholungen und die formale Struktur des pyramidalen Bildaufbaus in ihren Zeichnungen. Und sie griff die Strömungen der Zeit sowohl in ihrer Dichtung wie in ihrem zeichnerischen Werk auf, insbesondere die Orientbegeisterung und die ägyptische Pharaonenkunst. Seit die Orient-Gesellschaft ab 1911 die Ausgrabungsfunde von Tell el-Amarna in der Ägyptischen Sammlung des Berliner Neuen Museums zeigte, ließ sich Else Lasker-Schüler von der Amarna-Kunst inspirieren: das Linksprofil von Amenophis IV., auch Echnaton genannt, übernahm sie in ihren Porträtzeichnungen, ebenso die flächige, perspektivlose Darstellung der Körper und deren Wiederholung: Wie auf ägyptischen Friesen sind ihre Figuren in Seitenansicht hintereinander gereiht. Fasziniert war sie von der Hieroglyphenschrift, schon in den Buchstaben selbst ginge den Ägyptern die Blüte auf, meinte sie. Von Sternoglyphen und Mondschriften spricht sie in ihrem Gedicht Hingabe aus dem ihrem letzten Gedichtzyklus «Mein blaues Klavier», der 1943 in Jerusalem erschien. Auch in ihrem Gedicht «Georg Grosz» bringt sie die Verbindung von Zeichnung und Buchstabe zum Ausdruck: «Seine Schrift regnet, / Seine Zeichnung: Trüber Buchstabe.»

Die Kuratorin der Ausstellung im Jüdischen Museum, Ricarda Dick, veranschaulicht deutlich anhand der Figur des «Jussuf von Theben» die Durchdringung von Dichtung und Zeichnung im Werk von Else Lasker-Schüler – und vor allem: die Überblendung von Fiktion und Realität. Else Lasker-Schüler hat ihre poetischen Entwürfe nicht nur gezeichnet, sie hat sie auch gelebt. Der «Prinz von Theben» war ein Prosawerk von ihr, und ein Bildmotiv – und sie selber war er auch. «Jussuf von Theben entstand durch alle Medien hindurch bis hin zu ihrer eigenen Identität», so bringt es Ricarda Dick auf den Punkt. In der Figur des Jussuf von Theben hat die aus Deutschland nach Jerusalem geflüchtete Jüdin Else Lasker-Schüler die poetische Vision einer Welt geschaffen, in der Christentum, Judentum und Islam eins sind, und wo Mann auch Frau und Leben und Dichtung eins sind.

 

Eine einsame Frau

 

Dass trotz dieser welt-, religionen- und geschlechterübergreifenden Poetik Else Lasker-Schüler zeitlebens auch eine einsame Frau war, zeigt die Ausstellung auch. «Einsamkeit», so Ricarda Dick, «war ein Motiv der Moderne und hat sich durch ihr ganzes Leben gezogen.»

Über 150 in die Weltgeschichte verstreute Zeichnungen und – nicht zu vergessen – die bibliophile Kostbarkeit, der 1923 von Else Lasker-Schüler selbst kolorierte Bildband «Theben» – sind in der Ausstellung zusammengetragen. Leider geht dieser handkolorierte Bildband in dem ansonsten aufschlussreichen Katalog unter. Aber: In der Ausstellung nicht, dort ist dieses Buch, für das die Dichterin 500 Lithographien eigenhändig koloriert hatte, schön präsentiert. In neun Räumen können die Themen und Lebensstationen der «Jussuf von Theben» durchschritten werden. Sparsam, aber passend, ist jedem Raum ein Motto aus den Schriften der Dichterin zugeteilt. Mit Zitaten aus den Werken führt ein Audioguide durch die Ausstellung.

 

Literatur:

Sigrid Bauschinger: Else Lasker-Schüler. Biographie, Wallstein 2004, 496 Seiten, gebunden, 38 Euro.

 

Kerstin Decker: Mein Herz – Niemandem. Das Leben der Else Lasker-Schüler. Propyläen Berlin 2009. 480 Seiten, 22,90 Euro, als Taschenbuch ab November 2010 für 9,95 Euro im List-Verlag.

 

Else Lasker-Schüler: Die Bilder. Herausgegeben. von Ricarda Dick im Auftrag des Jüdischen Museums Frankfurt am Main mit Beiträgen von Ricarda Dick und Astrid Schmetterling und einem Werkverzeichnis. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 2010. 304 Seiten, 29 Euro.

 

Ausstellung:

«Else Lasker-Schüler. Die Bilder», bis 9. Januar 2011 im Jüdischen Museum Frankfurt, Untermainkai 1415, 60311 Frankfurt am Main, tägl. 10 bis 19 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr, Mo geschlossen.

www.juedischesmuseum.de

 

Martha Schmidt

«Jüdische Zeitung», November 2010