Virtuelle jüdische Welt

Jüdische Kultur - von Nichtjuden für Nichtjuden: Ein Kulturfest in Krakow

Merkwürdiges findet seit über einem Jahrzehnt alljährlich an einem Samstagabend im Monat Juli in Krakau statt – Tausende von begeisterten Polen jeglichen Alters tanzen voller Euphorie, dieses Mal jedoch nicht zu Rockmusik oder HipHop, sondern zu Klezmerklängen und zu auf Hebräisch oder Jiddisch gesungenen Liedern. Für den objektiven Beobachter mag das surreal erscheinen, denn das Geschehen findet im ehemals rein jüdischen, heute jedoch nichtjüdischen und sanierten Stadtviertel Kazimierz statt. In einer Stadt, deren jüdischer Bevölkerungsanteil um die Jahrhundertwende bis zum Zweiten Weltkrieg zwar rund ein Drittel ausmachte, dann fast gänzlich verschwunden war und nunmehr einige Hunderte zählt. Präsentiert wird die «jüdische Musik» auf einem Abschlusskonzert in der einem Platz gleichenden Szerokastraße von fast ausschließlich in den USA beheimateten jüdischen Musikern – dennoch ist das Publikum hauptsächlich polnisch, katholisch eben. Ebenso durchwegs nichtjüdisch sind die Organisatoren des alljährlich auf die Beine gestellten Jüdischen Kulturfestivals, und ohne die Unterstützung von über 50 nichtjüdischen Freiwilligenhelfern wäre dieses auch gar nicht durchführbar.

 

Jüdische Kultur ohne Juden

 

Eine virtuelle jüdische Welt? Die US-Amerikanerin Ruth Ellen Gruber, Autorin des Buches «Virtually Jewish», schuf den Slogan einer «jüdischen Kultur ohne Juden», in denen heute Schlagworte wie Judaistik, Juden, Synagoge oder auch Holocaust von einem Gros der Bevölkerung als integraler Bestandteil ihrer eigenen Geschichte bezeichnet werden. Dabei nimmt jüdische Musik heute im zentralen wie auch östlichen Mitteleuropa einen – gemessen an der Bevölkerungszahl – durchwegs überproportionalen Platz im kulturellen Geschehen ein. Schätzt man etwa den jüdischen Bevölkerungsanteil der Bundesrepublik Deutschland, an den Kritterien des Zentralrats vorbei gemessen, wohlwollend auf rund 200.000, so beträgt dieser übertragen auf die Gesamtbevölkerung keine 0,24 Prozent. Bei über vier Fünftel aus dieser Zahl handelt es sich wiederum meist um erst seit 1992 hinzugekommene Migranten aus der Sowjetunion. In Österreich beträgt der jüdischen Bevölkerungsanteil etwa 0,12 Prozent und in Ländern wie Italien, Polen oder der Slowakei jeweils zwischen 0,04 und 0,07 Prozent. Trotz dieser statistisch kaum ins Gewicht fallenden Zahlen gibt es in mitteleuropäischen Ländern unzählige, ausschließlich auf die jüdische Kultur bezogene Festivals, wobei heute mit «Kultur» meist Musik, weniger Theater, Literatur oder Malerei gemeint ist.

 

Offener Philosemitismus

 

Woher die verschiedenen Grade dieses offenen Philosemitismus stammen – darüber sind sich die Soziologen nicht ganz einig: Mag es die Anziehungskraft einer irgendwie bekannten, fast familiären Exotik innerhalb unserer eigenen Gesellschaft sein, das im Unterbewusstsein befindliche Unbehagen einer indirekten «Schuld» am Holocaust, die Symbolik des Überlebenswillens und vieles mehr. Eindeutig in jedem Fall erscheint die Entwicklung, dass jüdische Kultur, vor allem aber Musik, etwa in Deutschland weniger von Juden, sondern hauptsächlich von deutschen Nichtjuden (d.h. nichtjüdischen Deutschen) repräsentiert wird. In einem Anflug verzerrter Realität verzichtet dabei die jüdische Gemeinschaft Deutschlands auf den Wiederaufbau und somit die direkte Vermittlung ihrer eigenen Kultur – wohlgemerkt «offenen Auges und ohne Not»; jüdische Inhalte zu bestimmen überließe man anderen und gebe somit freiwillig das Heft aus der Hand. «Selber Schuld!», so das Resümee der jüdischen Berliner Soziologin Judith Kessler in ihrem Vortrag «Klezmerfreie Zone oder Jewish Disneyland?».

Natürlich gilt dies nicht für den Staat Israel, in dem «jüdische Musik» per Selbstdefinition der eigentliche Mainstream ist, schließlich sind dort über zwei Drittel der Bevölkerung jüdisch oder als solche auch von den Monopolpositionen der Rabbinate anerkannt. Eine Diskussion zu diesem Thema ist in Israel unbekannt. Klezmermusik, trotz des alljährlichen Festivals in Safed und insoweit überhaupt nennenswert, ist fest in (jüdisch-) orthodoxer Hand und schon alleine dadurch für die weniger Religionsfesten, die die Mehrheit stellt, nur bedingt attraktiv. So war beispielsweise Chava Alberstein, in Stettin gebürtig, die mit ihrem gemeinsam mit den Klezmatics erstellten Album «The Well» in Europa und vor allem in Deutschland großen Erfolg hatte, sichtlich erstaunt über diesen unerwarteten Erfolg. Ihrer Meinung nach werde «jüdische Musik» in Europa zu häufig und kritiklos mit Klezmer gleichgesetzt. In Israel selbst gilt Klezmer spätestens ab den Sechzigerjahren als ein Kulturelement der Diaspora, verwoben mit einem zwischen den Zeilen stehenden Subkontext von etwas Europäisch-Alten, mit dem sich allerdings die moderne (jüdische) Jugend kaum noch identifizieren möchte. Gegensätzliche Meinungen wie eine «seit den Siebzigerjahren deutliche Zunahme» des Interesses an Klezmermusik in Israel, so in der sonst äußerst informativen Broschüre «Klezmer – hejmisch und hip», scheinen mehr ein Wunschgedanke zu sein und können hier nicht bestätigt werden.

 

Unklar Zielsetzung

 

Selbstverständlich stellt sich irgendwann die Frage, welche Zielsetzung – soweit überhaupt vorhanden – jüdische Künstler haben, ihre Kultur einem überwiegend nichtjüdischem Publikum zu vermitteln. International bekanntere israelische Gruppen wie etwa die HipHop-Band «Balkan Beat Box» legen so gut wie kein «jüdisches Sendungsbewusstsein» an den Tag: Die Texte sind arabisch und hebräisch, vor allem aber englisch und bei Konzerten ohnehin akustisch eher schwer verständlich, egal in welcher Sprache. Das breite Publikum erkennt in den Konzerten dieser Gruppe, weder eine jüdische noch eine israelische Komponente. Ähnliches kann von weiteren Gruppen wie das «Panic Ensemble», «Asaf Avidan & the Mojos» oder «Boom Pam» gesagt werden. Kann man hier überhaupt noch von «jüdischer Musik» sprechen? Genau das Gegenteil scheint jedoch bei den jüdischen Vertretern der in Mitteleuropa recht stereotyp als «jüdisch» empfunden Musik, namentlich im Fall von Klezmer und bedingt auch bei liturgischem Gesang, der Fall zu sein: In ausgiebigen und zahlreichen Gesprächen des Berichterstatters mit jüdischen Musikern dieses Genres erschien als Hauptmotiv – natürlich neben der aktiven künstlerischen Betätigung – eine «Repräsentation jüdischer Kultur», allerdings mangels Masse (und notabene auch Nachfrage) einem eben meist nichtjüdischem Publikum gegenüber.

Der 1931 in Wien gebürtige Folkloresänger und Schauspieler Theodore Bikel, der unter anderem auch in einem Projekt mit Frank Zappa aktiv war, brachte diese Problematik auf einen kurzen Nenner: Nichts sei ihm als Überlebender des Naziterrors und Repräsentant einer fast verlorenen und böswillig zerstörten Kultur heute wichtiger als einem nichtjüdischen Publikum Kulturelemente eines Bevölkerungssegmentes zu zeigen, das über Jahrhunderte ein fester und schließlich auch integrierter Bestandteil Mitteleuropas war. Obwohl längst in Pensionsalter, ist Bikel weiterhin vielseitig aktiv: So legt er beispielsweise Wert darauf, auf dem Jüdischen Kulturfestival in Krakau immer wieder mit neuem Programm zu erscheinen, um dem lokalen Publikum wiederholt neue Facetten einer fast untergegangen Kultur zu präsentieren.

 

Verschiedene kulturelle Ebenen

 

In eine ganz andere Bresche schlägt Cookie Segelstein, Violinistin des von ihr gegründeten Trios «Veretski Pass», deren Vorfahren aus dem ukrainischen Zakarpatska Oblast (Westukraine) stammen, in dem neben Ukrainern auch Ungarn und Rumänen leben. Entsprechend geprägt ist die Musik der lokalen Juden mit Elementen aus verschiedenen kulturellen Ebenen. Merkwürdigerweise, so Segelstein, werde aber die von den dortigen Juden gespielte Musik etwa in den USA, Segelsteins Heimatland, vom jüdischen Publikum gar nicht als jüdisch empfunden. In Europa bestünde dieses Problem nicht, da das überwiegend nichtjüdische Publikum der Musik einer jüdischen Band gewissermaßen vertraue. Joshua Horowitz, Gründer der Gruppe «Budowitz» und Mitglied von «Veretski Pass», studierte und unterrichtete unter anderem Musiktheorie an der Musikhochschule Graz. Als Akkordeonist und Virtuose auf dem Tsimbel (Hackbrett) überrascht er immer wieder jüdisches wie nichtjüdisches Publikum mit der Tatsache, dass ursprünglich nicht die Klarinette das klassische und somit angeblich «typisch jüdische» Klezmerinstrument sei, sondern vielmehr eben Hackbrett und Geige. Segelstein, Horowitz wie auch Stuart Brotman (Bass, ebenfalls «Veretski Pass», aber auch Mitglied von «Brave Old World») wollen im Wesentlichen die Musik ihrer (jüdischen) Vorfahren am Leben erhalten, rein folkloristisch-musikalisch betrachtet könnte man sich ja sonst auch ohne weiteres in anderen Gefilden bewegen!

Alan Bern, Gründungsmitglied von «Brave Old World» und seit 1988 in Berlin wohnhaft, musikalischer Direktor des alljährlichen «Yiddish Summer» in Weimar, nutzt auf diesem Festival «jüdische Musik», um die individuelle Kreativität der einzelnen Teilnehmer zu aktivieren, wobei er in erster Linie gerade nicht daran denkt, neue «Jiddischmenschen» zu schaffen. Selbstverständlich wirken mit Bern auch nichtjüdische Klezmorim mit – es sei nämlich, so Bern, insbesondere in mitteleuropäischen jüdischen Kreisen ein längst von der Realität überholtes Vorurteil, mehr als ein genuines Interesse nichtjüdischer Deutscher an jiddischer Kultur hineinzuinterpretieren. Ein mögliches historisches «Schuldbewusstsein» oder dessen Aufarbeitung könne er in der Musik seiner nichtjüdischen Kollegen nicht annähernd erkennen.

Shlomo Bar, Initiator der vor fast dreißig Jahren gegründeten israelischen Ethnoband „Ha-Bre’ira ha-Tiv’ith“, ist marokkanischer Abstammung und mit seinen Trommelwerkstätten auf den bereits erwähnten Krakauer Kulturfestivals längst ein fester Bestandteil. Für ihn sei es äußerst wichtig, gerade in Polen jüdische Kultur einzubringen, selbst wenn seine eigenen Wurzeln in Nordafrika lägen und die Darbuka sicherlich nicht als klassisches europäisch-jüdisches Instrument gälte.

 

Die Komponente des Erfolgs

 

Willy Schwarz schließlich, seit 1999 in Bremen sesshaft, unterscheidet zwischen der «Musik jüdischen Inhalts» und «der von Juden gemachten Musik». Würde man etwa Mitglieder von Musikergruppen innerhalb der mitteleuropäischen jüdischen Gemeinden, zumeist Einwanderer aus der Sowjetunion, nach «jüdischer Musik» fragen, wäre die Antwort eindeutig: Natürlich machten sie ausschließlich jüdische Musik, namentlich zu Feiern wie Bar-Mizwa, Brit-Mila oder Hochzeit. Schwarz selbst ist es in jedem Fall wichtig, seine Musik und auch die Musik seiner Vorväter noch in einer Epoche zu spielen, in der «die letzten überlebenden Zeitzeugen», Opfer wie auch Täter, noch am Leben seien, danach könne man ja nur mehr noch von Historie sprechen. Abschließend spricht Schwarz aber auch die Komponente des persönlichen Erfolges an, schließlich stehe ein jeder Musiker gerne in größerem Scheinwerferlicht, und zu guter Letzt müsse ja auch irgendwie ein Lebensunterhalt verdient werden – der pekuniäre Aspekt also, den sonst niemand direkt ansprach. Außer vielleicht Alan Bern, der im Vorwort des CD-Begleitheftes des Albums «Beyond The Pale» der Gruppe «Brave Old World» schrieb: «Im Jahre 1993 ist Deutschland eines der ganz wenigen Länder, in denen man seinen Lebensunterhalt durch das Spielen jüdischer Musik verdienen kann.» Doch, so fährt Bern fort: «Für wen eigentlich?» – eine wohl unausgesprochene Pikanterie, dass ausgerechnet im «Land der Täter» die Musik der Opfer zum Lebensunterhalt werden kann.

Das Dilemma ist offensichtlich – und Deutschland mag hier als Prototyp Pate stehen: Diejenigen jüdischen Musiker, die in innerjüdischen Zirkeln spielen, sind dem breiten Publikum fast unbekannt und spielen im Bereich «Weltmusik» so gut wie keine Rolle. International bekannte jüdische Musiker wie etwa die in diesem Beitrag erwähnten, sind zwar einem gewissen breiteren nichtjüdischen Publikum ein Begriff, werden merkwürdigerweise aber vom deutschjüdischen Establishment komplett ignoriert. Um außerdem der stereotypen Nachfrage des deutschen Mainstream gerecht zu werden, spielen die modernen jüdischen Musiker häufig genau das, was das überwiegend nichtjüdische Publikum unter «jüdischer Musik» zu verstehen glaubt. Geld und Lebensunterhalt, wie von Schwarz und Bern angedeutet, sind eben für Musiker aller Religionen ein Aspekt unter vielen. Dies gilt sicher auch für die weit über einhundert in Deutschland aus nichtjüdischen Musikern bestehenden Klezmergruppen, die sich selbstdefinierend einzig auf die Art von Musik spezialisiert haben, wie sie allgemein als jüdisch anerkannt ist.

 

Keine neue Idee

 

Gleichwohl ist die Idee des kultur- oder nationenübergreifenden Handelns gewiss nicht ganz neu. So schreibt Walter Salmen in seinem Buch «Jüdische Musikanten und Tänzer», dass unter so genannten Klezmorim, d.h. klezmerspielenden, jüdischen Musikanten, «man vornehmlich östlich der Elbe Hochzeitsmusikanten [verstand], die – [ursprünglich] eingebunden in die jüdischen Riten – dienend zur Verfügung standen». Klezmorim waren also schon vor einigen Hunderten von Jahren professionelle Musiker, die durchaus auch in weltlichen Bereichen, jüdisch wie nichtjüdisch, aktiv waren und soziale Grenzen verschwimmen ließen. Allerdings, so Salmen weiter, galt deren «soziale Einschätzung» damals als eher «gemindert» – wovon man bei den zeitgenössischen Klezmorim wahrlich nicht mehr sprechen kann. Längst gibt es richtige Stars unter den jüdischen und im Sog dessen auch nichtjüdischen Klezmorim in einem weithin nichtjüdischen Umfeld. Von dieser Realität überholt wurde etwa auch die jüdische Organisatorin der Münchener Jüdischen Kulturtage, die sich bis dato fast unumstößlich an ihr Dogma klammerte, nur jüdische Musiker für ihr meist nichtjüdisches Publikum einzuladen: Bereits 2007 galt die nichtjüdische Kölner Gruppe «A Tickle In The Heart» mit der Münchenerin Andrea Pancur (ehemals «Massl Tov») als eine der Programmhöhepunkte.

Über 60 Jahre nach dem Ende des Terrors des «Dritten Reichs» kann der Schluss gezogen werden, dass es den Nationalsozialisten nicht gelungen ist, eine Kultur vollends auszulöschen. Die ehemaligen Opfer und deren Nachkommen konfrontieren die Täter von damals und deren Nachkommen mit jüdischer Seele: Juden von heute spielen die Musik ihrer Vorväter, vermischt mit zeitgenössischen Musikelementen und vor allem in Europa heftig unterstützt von nichtjüdischen Musikerkollegen. Eine wissenschaftliche Ausarbeitung bezüglich des ungleichen, oben bereits angesprochenen Proporzes, nämlich einer überdurchschnittlichen Nachfrage des nichtjüdischen gegenüber einer fast an null grenzenden des jüdischen Publikums, steht allerdings noch aus.

 

www.jewishfestival.pl

 

Matti Goldschmidt

«Jüdische Zeitung», Dezember 2010