Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Texte als kommentierendes NeuschreibenBernd Witte im Gespräch mit Moritz Reininghaus über deutsch-jüdische Literatur und die Zukunft der Martin-Buber-Ausgabe
Herr Witte, Sie sind Professor für germanistische Literaturwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und seit Anfang 2010 einer der Projektleiter der Martin-Buber-Gesamtausgabe. In Düsseldorf hat man über 20 Jahre darüber gestritten, ehe man sich dann 1988 dazu durchringen konnte, der Universität Heines Namen zu geben. Und die Buber-Ausgabe stand noch vor kurzem offenbar vor dem Aus. Haben zweifellos herausragende deutsch-jüdische Köpfe wie Buber und Heine bis heute keine ausreichende Lobby in Deutschland? Das würde ich nicht sagen. Die Zeiten haben sich gewandelt. Als die Auseinandersetzung um die Namensgebung der Heinrich-Heine-Universität geführt wurde, gab es in den Gremien der Universität noch einflussreiche Vertreter einer anderen Zeit, die sich der Namensgebung widersetzten. Heute ist die Universität stolz auf ihren Namensgeber Heinrich Heine und ist sich der Verpflichtung bewusst, die in diesem Namen liegt. Deshalb beherbergt sie in ihrer Philosophischen Fakultät eines der größten Institute für Jüdische Studien in der Bundesrepublik und pflegt besonders enge Beziehungen mit wissenschaftlichen Institutionen in Israel, so zum Beispiel durch den Europa – Studiengang, den sie mit dem IDC Herzliya ausrichtet. Die Weiterfinanzierung der Buber-Ausgabe wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft abgelehnt, weil ein negatives Gutachten eines Fachgutachters vorlag. Auch in diesem Fall ist sich die Heine-Universität der Verantwortung für die deutsch-jüdische Kulturtradition bewusst gewesen und hat zusammen mit dem Land Nordrhein-Westfalen die Weiterfinanzierung übernommen, so dass die noch ausstehenden 15 Bände dieser großen Werkausgabe nunmehr hoffentlich zügig in den nächsten fünf Jahre erscheinen können.
Sie haben in Ihrem Buch «Jüdische Tradition und literarische Moderne» den Bogen von Heine über Buber und Franz Kafka bis zu Walter Benjamin geschlagen. Was ist diesen vier Autoren denn gemeinsam? Sie gehören alle dieser großartigen deutsch-jüdischen Kulturtradition an, die seit ihrer Entstehung im achtzehnten Jahrhundert, vornehmlich in den Werken Moses Mendelssohns und der jüdischen Aufklärung, der Haskala, bis zu ihrer Vernichtung durch die Nationalsozialisten den wichtigsten Beitrag des Judentums zur Geistesgeschichte der europäischen Moderne darstellt.
Welchen Beitrag zur jüdischen Kultur haben die von Ihnen untersuchten Denker geleistet? Es ist ihnen gelungen, in einer Zeit, in der auf Grund der Säkularisierung die Religion eine immer geringere Rolle für das Selbstverständnis des Judentums spielte, neue Grundlagen für die jüdische Identität zu definieren. So hat zum Beispiel Heinrich Heine als guter Hegel-Schüler das Judentum von seiner vieltausendjährigen Geschichte her zu verstehen versucht. Diese Geschichte sieht er als eine der Verfolgung, des Exils und des Leidens um der Bewahrung der Heiligen Schrift, der Tora, willen, die er das «portative Vaterland der Juden» nennt. Während die großen Reiche im Laufe der Geschichte allesamt untergegangen seien, so erklärt er, lagen die Juden «gebeugt über ihrem Buche und merkten nichts von der wilden Jagd der Zeit, die über ihre Häupter dahinzog».
Und ihr Beitrag zur deutschen Kultur? In der identitätsstiftenden Urszene des Judentums, der Gesetzgebung am Berg Sinai, steht die Tora von Anfang der Anbetung des Goldenen Kalbs gegenüber. Dieser Gegensatz findet sich in der Neuzeit als Widerstand der deutsch-jüdischen Literatur gegen den Produktionsfetischismus der gesellschaftlichen Moderne wieder. Von Heine wird die «Geldwerdung Gottes» mit biblischen Bildern angeprangert und dieser Abgötterei die Lektüre und das Neuschreiben der kanonischen Schriften entgegengestellt. Solche Kritik an der gesellschaftlichen Moderne aus dem Geiste des Judentums setzt sich in der deutsch-jüdischen Literatur fort bis hin zu Walter Benjamins Reflexionen über den «Kapitalismus als Religion». Diese auf der Schrift sich gründende Abwendung von der Anbetung des goldenen Kalbs hat bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren.
Sie haben in Ihrem Buch festgestellt, dass die deutsch-jüdische Literatur von einem «ausgebildeten Bewusstsein des Schriftcharakters von Literatur» getragen wird. Wie muss man sich das vorstellen? Die Tradition des Judentums basiert von Anfang an auf der Unterscheidung zwischen der Heiligen Schrift, an der nicht der kleinste Buchstabe geändert werden kann, und der «mündlichen Lehre» des Talmud, die in ihren beiden Ausprägungen als Halacha und als Haggada als Kommentar der Tora gilt. Auch diese Unterscheidung ist in der Gesetzgebung am Sinai schon angelegt, in der Gott Moses seine Gesetze in mündlicher Rede und auf den Steintafeln in schriftlicher Form offenbart. Um überhaupt verständlich zu sein, bedarf die Schrift des aus der mündlichen Lehre stammenden Kommentars. Dieses Prinzip haben die deutsch-jüdischen Schriftsteller auf die Literatur der Moderne übertragen, indem sie ihre Texte als kommentierendes Neuschreiben vorgeschriebener Texte ins Werk setzen. So etwa Martin Buber, der die Erzählungen und Legenden, die sich um die heiligen Männer des Ostjudentums ranken, zum Gegenstand der literarischen Neuschöpfung macht. So Franz Kafka, der von ihm erfundene, häufig autobiographische Texte zum Ursprungstext seines kommentierenden Erzählens nimmt und sie dadurch gleichsam kanonisiert.
Das hört sich stark nach dem Erklärungsmodell der Intertextualität an, das ja an für sich eher angesichts postmoderner Literaturen angewandt wird… Gershom Scholem hat vom Wort Gottes gesagt: «Selber bedeutungslos, ist es das Deutbare schlechthin.» Darin ist die Gemeinsamkeit, aber auch der grundlegende Unterschied zur Postmoderne gefasst. In der Tat gibt es in der Literatur der deutsch-jüdischen Moderne keine Ursprungsoffenbarung mehr. Das Verfahren jedoch, mit dem der Schreibende eine Vor-Schrift von seiner Erfahrung her neu schreibt, ist nicht bedeutungslos, sondern stellt einen Prozess der unendlichen Annäherung an die Wahrheit dar. Oder anders gesagt: So etwas wie die Offenbarung der Wahrheit wird durch die nie abzuschließende menschliche Arbeit des Schreibens erreicht.
Wie äußert sich das von Ihnen beschriebene Phänomen bei einem Autor wie Martin Buber? Martin Buber geht in all seinen Schriften, auch in den späten, etwa in «Zwei Glaubensweisen», von Zitaten aus kanonischen oder häretischen Schriften, zu denen er auch das «Neue Testament» zählt, die er kommentierend auslegt.
Sie leiten seit Anfang des Jahres die Herausgabe der Werke Martin Bubers. Welchen Stellenwert räumen Sie einem Denker wie Buber heute ein? Ist Buber heute noch «en vogue»? Er ist sicher nicht mehr «en vogue», wenn man darunter eine Massenwirksamkeit versteht. Doch ist seine «Philosophie des Dialogs» weiterhin bedenkenswert und ist auch von einflussreichen Denkern des zwanzigsten Jahrhunderts weitergetragen worden. Ich erinnere nur an die Philosophie von Emmanuel Levinas.
Warum konnte die Gesamtausgabe der Werke Martin Bubers nicht weiterhin von der Berlin-brandenburgischen Akademie der Wissenschaften herausgegeben werden? Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften war nur Gastgeberin der «Arbeitsstelle Martin Buber Werkausgabe», die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert wurde. Als die DFG ihre Finanzierung einstellte, musste für die Martin Buber Werkausgabe eine neue Anbindung gesucht werden.
Buber hat auch eine politische Komponente. Ist er auch deshalb aus dem Blickfeld geraten, weil seine Vision eines «Kulturzionismus» heute weniger denn je verwirklichbar scheint? Bubers Vision eines Kulturzionismus war in den ersten drei Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts – jedenfalls im deutschen Sprachraum – ebenso wirkmächtig wie der politische Zionismus. In den dreißiger und vierziger Jahren ist er dann für eine politische Lösung eingetreten, wie sie der Titel seines Sammelbandes «zur jüdisch-arabischen Frage» andeutet: «Ein Land und zwei Völker». Beide Projekte sind durch die Schoa und die Gründung des Staates Israel hinfällig geworden. Doch sind sie deshalb auch heute keineswegs weniger bedenkenswert.
Ein anderer Autor, mit dem Sie sich beschäftigt haben, ist hingegen nicht davon bedroht, dem Vergessen anheim zu fallen: Walter Benjamin ist nach wie vor im wissenschaftlichen Diskurs ebenso wie im Feuilleton präsent. Woher rührt die Faszination, die bis heute von ihm ausgeht? Walter Benjamin ist es gelungen, in seiner materialistischen Analyse der Kulturproduktion die Revolution in den Medien vorwegzunehmen, deren Zeugen wir heute sind. In seinen Schriften finden sich schon Hinweise auf die grundstürzenden Veränderungen, denen das kulturelle Gedächtnis im Zeitalter der «elektronischen Reproduzierbarkeit» ausgesetzt ist. |