Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Feiertagsjudentum als Scheinschwangerschaft
Wie gewohnt, möchte ich mich mit dem Leser einerseits über die Beziehungen der Juden zu ihren Gemeinden sowie andererseits über die Beziehungen der Gemeinden zu dem Staat, dem Bundesland und der Stadt unterhalten, wo diese ansässig sind. Ich bitte bereits an dieser Stelle empfindsame Zeitgenossen um Vergebung, denn mein Bericht ist ebenso delikat, wie es die Handlungen seiner Helden sind.
Die fünfte Torarolle Der 84-jährige Icek Ostrowicz hat Konzentrations- und Arbeitslager überlebt und ist seit 1952 Mitglied der Jüdischen Gemeinde Mönchengladbach. Auch heute noch nimmt er aktiv am jüdischen Leben teil und gehört beispielsweise dem Kuratorium der Gerhard- C.-Starck-Stiftung an. Mehr als einmal hat er die Gemeinde materiell unterstützt, z.B. als er ihr wunderschöne Buntglasfenster stiftete. Und jetzt hat – insbesondere dank der Anstrengungen von Ostrowicz – zur Freude der gläubigen Juden im Toraschrein der Synagoge eine fünfte Torarolle ihren Platz gefunden. Die fünfte Rolle ist eine sehr wertvolle und würdige Gabe. Am 26. Elul des Jahres 5771 (25. September 2011) «vollendete» Gemeindeehrenmitglied Ostrowicz, wie es die Tradition verlangt, die Konturen der letzten Buchstaben dieser Torarolle und machte sie dann der Gemeinde zum Geschenk. Die Übergabe der neuen Torarolle feierte die Gemeinde an dem Ort, an dem bis zum 9. November 1938 das Gebäude der Jüdischen Gemeinde stand. In seiner Rede äußerte Icek Ostrowicz: «Wie Sie wissen, gibt es die gute jüdische Sitte, vor hohen Feiertagen, wie den vor uns liegenden Rosch Haschana und Jom Kippur, die Gräber seiner Verwandten zu besuchen. Ich kann die Gräber meiner Familie nicht aufsuchen, weil meine Eltern, meine drei Geschwister und andere Familienmitglieder keine Gräber haben, denn sie wurden während der Schoa im Vernichtungslager Treblinka ums Leben gebracht. Deswegen ließ ich in Israel eine Torarolle anfertigen, die ich ihrem Gedächtnis widme. Ich freue mich, diese Rolle der Gemeinde übergeben und damit meine enge Verbundenheit mit der jüdischen Religion zum Ausdruck bringen zu können. Eines Tages wird auch diese Torarolle – wie alle alten Torarollen irgendwann – nicht mehr koscher und damit nicht mehr für den Gottesdienst zu gebrauchen sein. Wenn sie dann der Erde übergeben wird, wird auch meine Familie ihr symbolisches Grab finden.» Im Weiteren führte der Stifter aus, dass er mit seiner Spende einen Anstoß dafür geben wolle, dass die Stadt und das Land mehr für die Gemeinde täten. Er fügte hinzu, dass er hoffe und wünsche, dass die Gemeinde in Bälde Eigentümer würdiger Räumlichkeiten sein werde, wo dann auch die Torarollen aufbewahrt werden könnten. Danach ergriffen sowohl Gemeindemitglieder als auch Gäste das Wort. Der 13-jährige Leonid Emirel, der erst vor kurzem nach jüdischem Brauch in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen worden ist, sagte, dass er sich als vollwertiges Mitglied der jüdischen Religionsgemeinschaft fühle und hoffe, bald die Möglichkeit haben zu werden, Texte aus der neuen Torarolle zu lesen. Bürgermeister Klaus Schäfer nannte diesen Tag einen Tag «großer Feierlichkeit, Hoffnung, Freude und Gemeinsamkeit». Bezirksvorsteher Reinhold Schiffers zeigte sich beeindruckt davon, «wie lebendig die Jüdische Gemeinde ist». Der katholische Regionaldekan Ulrich Clancett sprach über die gemeinsamen Wurzeln der beiden Religionen und hob hervor, dass heute auch die Christen Grund zum Feiern haben. Die Torarolle wurde stellvertretend für die Gemeinde dankbar von der Gemeindevorstandsvorsitzenden und Geschäftsführerin Leah Floh entgegengenommen, dazu erklangen zu diesem Anlass passende Gebete. Zu den Klängen der Tamburin- und Schofarmusik eines jüdischen Orchesters sowie den Melodien der Lieder Schalom Alechem und Hava Nagila, die vom Gemeindechor Düsseldorf gemeinsam mit den Gästen und Gastgebern gesungen wurden, wurde die neue Torarolle unter einem Baldachin durch drei Straßen der Stadt zum Gemeindezentrum und zur Synagoge getragen. Begleitet wurde der Umzug von nicht weniger als 150 Personen, zu denen Mitglieder und Angestellte der Gemeinde und deren Angehörige wie auch Gäste der Veranstaltung und Einwohner der Stadt gehörten. Der neuen Torarolle entgegengetragen wurden die vier Rollen, nach denen bisher die Gebete gelesen werden. Die Feierlichkeiten fanden ihre Fortsetzung im Inneren des Gemeindezentrums und wurden durch ein traditionelles jüdisches Festmahl abgeschlossen. Ich bin überzeugt davon, dass sich alle noch lange an diese ungewöhnliche und lebendige Feier erinnern werden. Aber Festtage haben die Eigenschaft, irgendwann zu Ende zu gehen. Und wenn auch bei Feierlichkeiten etwas Wichtiges beginnen und der Keim zu Neuem gelegt werden kann, so entsteht doch nichts ausschließlich an Feiertagen.
Das Fundament einer Gemeinde nach Dr. Schuster Genau dieser Ansicht ist auch Dr. Josef Schuster, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. In Ausgabe 4/2011 der Zeitung des Zentralrats, der irgendein Optimist den Namen «Zukunft» gegeben hat, schreibt er in einem Artikel mit der nicht weniger optimistischen Überschrift «Große Zukunft»: «Nach meiner Auffassung sind für jede jüdische Gemeinde, die ihrer Aufgabe gerecht werden will, drei Stützpfeiler unerlässlich: eine funktionierende Synagoge, in der es mindestens am Schabbat einen Minjan gibt – jeden Tag ist natürlich noch schöner, aber nicht immer möglich –, und die über ein Unterrichtswesen sowie über ein Begräbniswesen verfügt. Sozial- und Kulturarbeit oder Begegnungsstätten sind eine große Bereicherung und ich bin froh, dass es sie gibt, doch stellen die drei genannten Kernelemente die konstituierenden Merkmale einer jüdischen Kultusgemeinde dar.» Josef Schuster, langjähriger Vorsitzender der Würzburger Gemeinde und Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, hebt die jüdischen Feiertage nicht als von fundamentaler Wichtigkeit hervor, sondern sieht gerade in der alltäglichen Arbeit die Grundlage des Gemeindelebens. Wenn auch an Feiertagen zur Propagierung des jüdischen Glaubens Gäste von außerhalb anwesend sein können, was bei der Übergabe der neuen Torarolle der Fall war, können und dürfen dies im Gemeindealltag einzig und allein Gemeindemitglieder sein. (Zieht man übrigens von den auf der Feier Anwesenden alle Gäste und Gemeindemitarbeiter mit ihren Angehörigen sowie Schaulustige ab, gebe G‘tt, dass es wenigstens 70 Teilnehmer an der Veranstaltung waren, die in den Gemeindeunterlagen als Mitglieder verzeichnet sind.) Wie Sie sich erinnern, hatte Icek Ostrowicz den Wunsch zum Ausdruck gebracht, dass die neue Torarolle in würdiger Umgebung aufbewahrt werden möge. Die Gemeinde aber machen nicht in erster Linie würdige Räumlichkeiten, sondern ihre Mitglieder aus. Der neuen Torarolle entgegen trugen vier Männer im fortgeschrittenen Alter die vier «alten» Torarollen. Fast alle, denen diese Ehre zuteilwurde, werden für ihre Mitgliedschaft im Minjan bezahlt. Für sie ist also der Synagogenbesuch Arbeit. Rabbiner Michail Kogan aus Düsseldorf meint, dass die Teilnahme am Minjan gegen Bezahlung nicht durch die jüdischen Gesetze verboten sei. Wenn er Recht hat, hätten diese Männer für ihre Arbeit bei der feierlichen Toraweihe an einem arbeitsfreien Tag zusätzlich entlohnt werden müssen. Einen Minjan gegen Bezahlung gibt es in vielen Gemeinden. Die Synagogen sind dann dort die Bühne, wo zu diesem Zweck gemietete Juden die Rolle gläubiger Juden spielen. Einer spielt beispielsweise einen einfachen Minjan-Teilnehmer, ein anderer den Gabbai (Synagogendiener). Und wenn Du auf einem Foto den Gabbai der Mönchengladbacher Synagoge überhaupt nicht nach unserer Art gekleidet und mit einem Arafat-Tuch auf dem Kopf siehst, so muss das nichts Großartiges heißen. Wahrscheinlich ist das auch nur so eine Rolle wie seine Tätigkeit als Gabbai und seine Frau Emma Kossjanski ist in der Gemeinde die Ratsvorsitzende … An den Übergabefeierlichkeiten der neuen Tora nahmen Männer ohne Kopfbedeckung teil. Mit zweien davon bin ich ins Gespräch gekommen. Einer, mit ausgeprägten jüdischen Gesichtszügen, murmelte etwas Unverständliches in der Art, dass er keine eigene Kippa besitze und keine jüdische Erziehung erhalten habe, betonte aber gleichzeitig, dass die Gemeinde für ihn das «Allerwichtigste» sei. Aber, lieber Leser, sag’ doch einmal offen und ehrlich, wie es sein kann, dass nichtjüdische Gäste ihr Haupt aus Ehrerbietung gegenüber der jüdischen Tradition bedecken, während einem Mitglied der jüdischen Gemeinde die elementare Achtung der Traditionen seines eigenen Volkes fremd ist? Der zweite der beiden erklärte, dass er nur assoziiertes Mitglied der Gemeinde (also kein Jude) sei. In welcher Weise ist er denn mit der jüdischen Gemeinde «assoziiert»? Und mit welchem, entschuldigen Sie, Teil ist er denn assoziiert? Und wozu zum Teufel braucht eine religiöse jüdische Gemeinde solche «ordentlichen » wie auch «assoziierten» Mitglieder, wenn diese Seite an Seite mit der Tora nicht ihren Kopf bedecken? Nebenbei bemerkt, auf meine Frage, was sie denn zur Gemeinde hinziehe, antworteten zwei ältere, aber allem Anschein nach gesunde Männer einmütig: «Dort hilft man uns mit Medizin.» Und das stimmt. Die ausgebildete Krankenschwester Leah Floh versteht das gut. Obwohl die Torarolle der Gemeinde übergeben worden war, um sie zukünftig zu nutzen, wurde sie nur von wenigen jungen Leuten begleitet. Veranstaltungsteilnehmer waren in erster Linie ältere Menschen, deren Denken in die Vergangenheit gerichtet ist und die in ihren Erinnerungen an Krieg und Holocaust leben. Ihr feiertäglicher Optimismus ist kein Optimismus für die Zukunft. Nein, ich will damit weiß G‘tt nicht sagen, dass ältere Menschen schlechter als jüngere sind. Aber Sie als Leser sind doch sicherlich einverstanden, dass ein Vertreter der älteren Generation nur etwas für die Zukunft der Gemeinde tun kann, indem er seine Geisteshaltung an die Jüngeren weitergibt. Wenn es aber sowohl um die jungen Leute als auch um die Geisteshaltung der Älteren schlecht bestellt ist, dann werden die Gemeinde keine Theatervorstellungen in der Synagoge und auch keine Feierlichkeiten auf der Straße retten.
«Judentum light» auf dem Friedhof Auf dem Friedhof, wo die Gemeinde den Lebenden für die Respektierung jüdischer Traditionen nichts zahlt, sieht alles noch schlimmer aus. Männer ohne Kopfbedeckung, die auf Hinweise des Friedhofspersonals nicht reagieren, große Blumengestecke auf den Gräbern, hochgewachsene Thujen, deren Wurzelwerk den Straßenbelag mühelos anheben kann … Auf dem Friedhof gibt es seit 1993 einen «internationalen» Teil. Anfänglich diente dieser wohl zur gemeinsamen Bestattung von Juden und Jüdinnen mit ihren nichtjüdischen Ehepartnern. Aber selbst wenn man nur sehr vage annimmt, dass der «internationale» Teil kein Bestandteil des jüdischen Friedhofs ist, so ist er doch in jedem Fall Eigentum der Jüdischen Kultusgemeinde und deswegen so zu nutzen, wie es die Rabbiner empfehlen. Der liberale Rabbiner Dr. Walter Rothschild ist der Auffassung, dass Eltern, Kinder und Ehegatten nebeneinander liegen können. Michael Kogan, ein eher konservativ eingestellter Rabbiner, schreibt: «In der Regel geht es um die Ehegatten. Prinzipiell kann dieser Kreis um die sieben Personen erweitert werden, die Schiwa zu sitzen haben, nämlich die Kinder, den Vater, die Mutter, den Bruder, die Schwester, den Ehemann bzw. die Ehefrau.» (Ich halte diese Meinung für populistisch, weil ich nicht verstehe, wie man in der Realität erreichen will, Hinterbliebene anderer Religionszugehörigkeit zur Trauer nach jüdischem Brauch zu verpflichten. Wenn letztere die Trauer aber nicht einhalten, fällt die Logik des Rabbiners in sich zusammen.) Die Rabbiner sind der Meinung, dass es in solchen Friedhofsabschnitten keine nichtjüdische Symbolik geben darf. Aber auf einem Grabstein sehen wir, was das auch immer bedeuten soll, ein schräges Kreuz. Eine andere Grabstätte wird von einer russischen Birke geziert. Es gibt auch ein Grab, in dem ein Mensch liegt, dessen beide Eltern keine Juden waren. Der «internationale» Teil ist vom jüdischen Teil nur durch einen schmalen Kiesweg getrennt. Nichtorthodoxe Rabbiner lassen das zu. Ich will da nicht streiten. Dann sollen mir die Rabbiner aber auch erklären, warum man nicht Fleischiges und Milchiges in demselben Kühlschrank lagern darf, auch wenn beides in geschlossenen Gefäßen und (durch Steinchen) voneinander getrennt aufbewahrt wird? Um Rabbiner zu werden, muss man wirklich sehr viel lernen, deswegen ist mir als einfachem Menschen deren Logik wohl unverständlich. Klar ist vielmehr etwas anderes: Ein Rabbi, der eine «regelkonforme» Beerdigung im jüdischen Teil vornimmt, ohne die Kreuze und Birken wenige Meter von dem frisch ausgehobenen Grab zu «bemerken», legitimiert das, was in beiden Teilen des Gemeindefriedhofs vorhanden ist, und damit indirekt auch die Missachtung des Jüdischseins. Mir als einem Mann, der schon viele Jahre mit einer Nichtjüdin verheiratet ist, ist auch nicht klar, warum nichtjüdische Ehefrauen bzw. Ehemänner, die zu Lebzeiten merken, dass sie den Ehepartner auch nach dem Tode noch schrecklich brauchen werden, selbst nichts tun, um nebeneinander auf demselben Friedhof zu ruhen. Beispielsweise sich für den Gijur (Übertritt zum Judentum) entscheiden. Oder aber beide Christen werden. Die Antworten auf diese Fragen sind eigentlich offensichtlich, aber ehrliche Äußerungen dazu habe ich noch nie gehört. Der allgemeine Eindruck des Friedhofs entspricht der Situation des Judentums in Deutschland. Die von den Bäumen abgefallenen Blätter lassen den Friedhof ungepflegt aussehen. In aufgegebenen Gräbern finden sich Bretter und riesige Pilze. Das verwundert nicht. Nur zwei Arbeiter sind hier in Teilzeit für je 1 Euro pro Stunde tätig. (Zur Information: Leah Floh ist die einzige gewählte Gemeindevorsitzende in Nordrhein-Westfalen, die gegen Entgelt arbeitet.) Man sollte meinen, dass bei den Juden alle Verstorbenen gleich sind. Aber in Wirklichkeit gibt es auf dem Friedhof neben großen Freiflächen, wo einige wenige, mit «R» (= Reservierung) gekennzeichnete Schilder systemlos aufgestellt sind, dichtbelegte Gräberfelder. Dem Anschein nach ist noch Platz für mehr als ein Dutzend Gräber, aber dem ist nicht so. Und da es keinen Plan für die Reihenfolge der Grabbelegungen auf dem Friedhof gibt, entsteht der Eindruck, dass die Zuweisung einer Grabstätte von irgendwelchen Beziehungen zwischen den Lebenden abhängt. Wie in jedem Bundesland existiert auch in Nordrhein-Westfalen ein Bestattungsgesetz (BestG NRW vom 17.6.2003). Diesem Gesetz gemäß sind in den Friedhofssatzungen die Bestattungsfristen, die Größe und Tiefe der Gräber, die Größe der Grabsteine und die Gebühren für die von den Friedhöfen zu erbringenden Leistungen festgelegt. In der Satzung dieses Gemeindefriedhofs allerdings wird nichts über Bestattungskosten ausgesagt. Die Gemeinde, die eine angeblich 700-jährige Geschichte für sich in Anspruch nimmt, verändert selbstständig das Aussehen des Friedhofs und verletzt die Normen des früher hier praktizierten Judentums. Davon zu sprechen, dass die Gemeinde das Erbe ihrer Vorgängerinnen fortsetzt, ist zumindest unehrlich.
Schlüssel ohne Tür Es begab sich, dass ich an einem Augustabend an der Jüdischen Gemeinde Mönchengladbach vorbeikam. An der Gemeindetür hing ein zweisprachiger Aushang, den ich fotografierte. Dort hieß es: «Das Gemeindehaus ist in den vom 25. Juli bis 6. September geschlossen. Der Unterricht und Klubveranstaltungen finden nicht statt. Büro, Sozialabteilung und Bibliothek arbeiten wie üblich». Beim Lesen dieses Aushangs empfand ich unbändige Freude für die Besucher des Büros, die Empfänger sozialer Unterstützungsleistungen und nicht zuletzt die Literaturinteressenten, denen es die Gemeinde ermöglicht, das ganze Jahr über zu lesen. Mich interessierte allerdings in erster Linie, wie es in der Gemeinde um die drei durch Dr. Schuster benannten «Stützpfeiler» bestellt ist. Ich war mehrfach an Freitagabenden in Mönchengladbach. So am 26. August sowie am 2., 9., 16. und 23. September. Ohne Erfolg betätigte ich in der Zeit zwischen sechs und acht den Klingelknopf links der Tür. Die freitägliche Stille des Gemeindegebäudes wurde nur durch mein Klingeln gestört. Erzählt wird allerdings, dass abends, so auch an Freitagabenden, hinter den verschlossenen Türen der Gemeinde eine durch den Gemeindediener angeführte Gruppe von Enthusiasten Preference spielt. Und wahrscheinlich wissen viele Gemeindemitglieder davon. Ich wollte aber nicht den ganzen Abend warten, nur um mit eigenen Augen die nach Hause gehenden Kartenspieler – der eine mit vollen Taschen, die anderen mit leeren – zu sehen. In Wirklichkeit war alles noch viel schlimmer. Wie die Gemeindezeitung «Ma nischma » berichtet, fand der letzte Schabbat vor den Ferien am 25. Juni 2011 statt, während im Juli nur die Klubs «Parus», «Politklub» und «Naschim» tagten. Die Synagoge aber wurde erst an Rosch Haschana wiederaufgemacht. Hört man Leah Floh, so erstickt die Gemeinde in den engen Mauern. Bei der feierlichen Übergabe der neuen Torarolle erinnerte sie, wie es sich «gehört», an den Holocaust und zeigte den Anwesenden den Türschlüssel des zerstörten jüdischen Gemeindegebäudes und halbverbrannte Reste einer alten Torarolle. Ein neues Gebäude ist der Traum der Vorsitzenden. Deswegen gibt es im Internet schon mehrere Jahre die Seite www.synagoge-mg.de , die die Überschrift «Schlüssel ohne Tür» trägt. Die Seite beginnt mit den Worten: «Das einzige Überbleibsel der alten Synagoge, die am 9. November 1938 völlig zerstört wurde, ist ein Schlüssel, ein Schlüssel ohne Tür.» Auf der gleichen Seite werden einige Zahlen angeführt. So z.B., dass die Jüdische Gemeinde Mönchengladbach im Jahre 1337 erstmals urkundlich erwähnt wird sowie dass die Gemeinde heute 750 Mitglieder zählt (nach Angaben des Zentralrats 718) und 2.300 Personen betreut. In anderen Interviews allerdings nennt Leah Floh andere Zahlen. Am 3. März beispielsweise berichtete die «Jüdische Allgemeine», dass «750 halachisch jüdische Gemeindemitglieder hat sie in Mönchengladbach. Doch auch die rund 3.000 nichtjüdischen Familienangehörigen können am Gemeindeleben teilhaben, mit Rechten und Pflichten, außer der religiösen und dem Wahlrecht.» am Gemeindeleben teilnehmen können. Ich weiß nicht, wie der Leser mit dieser Diskrepanz umgeht, aber meiner Ansicht nach ist die Zahl der jüdischen Familienangehörigen um einiges zu hoch gegriffen. Worum bittet nun die Gemeinde auf dieser Seite? Um 2,5 Millionen für ein neues Gemeindegebäude. Dafür hat die Gemeinde ein Spendenkonto eingerichtet. Auf der Webseite wird auch auf einen eigenen Freundeskreis verwiesen, dessen Worte die Sammelaktion «als Bestätigung und Motivation unserer Arbeit» begleiten sollen. Zum Freundeskreis gehören Alt-Bundespräsident Horst Köhler, die Bundeskanzlerin Angela Merkel, der frühere Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, der ehemalige Präsident des Europaparlaments Klaus Hänsch sowie die Oberbürgermeister von Mönchengladbach, Niederkrüchten-Elmpt und Willich. Ein Judentum, welches nur an Feiertagen demonstriert wird, ist wie eine Scheinschwangerschaft. Und möge G‘tt mich erschlagen, aber meiner Ansicht nach braucht eine solche Gemeinde eine fünfte Torarolle und eine neues Gebäude genauso dringend wie ein bereits abgeschriebenes Fuhrwerk ein fünftes Rad. |