Die «Apartment-Synagoge»

 

Besuch in einer jüdischen Mädchen-WG in Budapest

 

Von Matthias Wahsner

 

Kann man Verlorenes, Vernichtetes wiederbeleben? Eine US-amerikanische Stiftung versucht jedenfalls, jüdische Viertel in Europa mit kulturellem Leben auch jenseits der Tempel zu erfüllen. Das «Moishe House» in der Király utca in Budapest hilft bei der Gründung von Wohngemeinschaften, deren Bewohner das Kulturleben bereichern sollen. Ich besuchte eine solche «WG» in der Budapester Innenstadt und gewann interessante Einblicke beim «culture building» oder der Frage: «Wie bringt man Leben in die Bude?».

Ich werde freundlich in die Wohnung gebeten, wo es nach Muffins duftet. Anna hat für ihre Mitbewohnerinnen gebacken, so wie sich das in einer Wohlfühl-WG gehört. Was das «Moishe House» allerdings von typischen Wohngemeinschaften, wie wir sie in Deutschland kennen, unterscheidet, wird klar, wenn Zsófia aus dem Nähkästchen plaudert. «Die Moishe House-Stiftung unterstützt junge Juden, die zusammen ziehen, um kulturelle Veranstaltungen nach ihren eigenen Vorstellungen zu organisieren und eine Gemeinschaft aufzubauen», so Szofia. «Dadurch soll das jüdische Leben im Viertel auf eine alternative Art und Weise gefördert werden. Man trifft sich hier ja nicht gerade regelmäßig in der Synagoge.» Kaum hat sie den Satz beendet, wirft eine Freundin, die eine Kippa häkelnd am Wohnzimmertisch sitzt, ein: «Synagoge? Hier sind doch eh alle Buddhisten!», worauf schallendes Gelächter den Raum erfüllt. Die lockere Atmosphäre ist hier allgegenwärtig, doch unverkrampft ist nicht gleich unproduktiv, was klar wird, wenn Szofia über die Veranstaltungen spricht, die das Budapester «Moishe House» bietet.

 

Alternative Kultur und soziale Vernetzung

Neben Workshops, wie etwa den zum Kippahäkeln, trifft man sich in der WG regelmäßig zum Shabbat, veranstaltet Filmabende oder stellt schnell mal die Location für das «Apartment Theatre». Pro Monat gibt es bis zu sieben Veranstaltungen, welche die finanzielle Unterstützung der US-amerikanischen Stiftung rechtfertigen. Neben einer bereichernden Funktion für die jüdische Gemeinde ist das Zusammensein vor allem für die drei Bewohnerinnen Anna, Zsófia und Eszter von Vorteil, da sie so täglich Freunde einladen können, was im Elternhaus nicht so einfach möglich wäre – zumindest nicht im jetzigen Umfang. «Die meisten jungen Juden in Budapest leben nämlich nicht unbedingt in Wohngemeinschaften mit mehr als zwei Personen zusammen», meint Anna, die dabei gleich mal ihre guten Deutschkenntnisse präsentiert. «Wir sind jetzt so etwas wie eine Apartment-Synagoge», wirft Szofia noch ein.

Die Idee, so zu wohnen, haben sich die Mädels kurzerhand aus anderen Metropolen, wie London, Peking oder Warschau abgeschaut. Allein in den USA gibt es bereits an die dreißig «Moishe Häuser». Man kannte sich vor dem Zusammenziehen gar nicht groß, aber selbstverständlich hatte man sich schon ab und zu im «Sirály», dem Kulturtreff der Gegend, gesehen. Natürlich beteiligt man sich nun an Programmen wie dem «Quarter6 Quarter7» oder dem «Banki To Fesztival», was die enge soziale Vernetzung im jüdischen Viertel unterstreicht. Wie schon im Sirály geht es im Moishe House darum, auf liberale Art jüdische Elemente zu vermitteln und somit die Kultur im Viertel neu zu beleben. Dass die Vergangenheit dabei nicht nur im Hinterkopf steckt, sondern mitunter auch noch in dunklen Ecken der Wohnung lauern kann, zeigt Zsofia, als sie aus einem Bücherregal zwei Schutzpässe hervorzieht, wie sie der schwedische Diplomat Roul Wallenberg und sein schweizerischer Kollege Carl Lutz zu Tausenden während der hitlerdeutschen Besatzung Ungarns unter Budapester Juden verteilt haben, um sie als privilegierte Auswanderer zu kennzeichnen und damit vor einer Deportation zu bewahren. Zsofia meint: «Die haben wir in der Abstellkammer gefunden, als wir hier eingezogen sind. Es war sogar noch das Familientagebuch mit dabei.»

 

Der Nachdruck der Beiträge aus Ungarn auf dieser Seite erfolgt mit freundlicher Genehmigung des «Pester Lloyd» Budapest, der deutschsprachigen ungarischen Online- Tageszeitung.

«Jüdische Zeitung», Dezember 2011