Der Frieden bekommt ein Gesicht

 

Junge Internet-Aktivisten in Palästina und Israel vernetzen sich

 

Von Lukas Andel

 

 

Es ist nicht das erste Mal, dass die Generation «Facebook» mit ihren Notebooks und Laptops Polizeisperren und Sicherheitsanlagen überwindet. Junge Leute verlassen dafür nicht ihr Haus, ihre Terrasse, ihr Internetcafé. Jetzt kamen sie am 23. und 24. Januar im Internet zu einer ersten Friedenskonferenz zusammen.

«Virtuell» ist das Zauberwort. Aber passiert da auch wirklich etwas? Jedenfalls nicht so blitzschnell, wie das mancher meint, wenn im Internet eine zündende Idee verbreitet wird. Die Bewegung «YaLa-Young Leaders» hat auf ihrer «Facebook»-Seite am 30. Juni 2011 ihr erstes «Special Dialogue Weekend» eröffnet. Einige hundert Interessierte beteiligten sich an Netz-Treffen im Dezember. Aber zur ersten «YaLa Online Conference» für die Jugend des Nahen Ostens klinkten sich schon Tausende in das Computer-Netzwerk ein. In einer Abschlusserklärung war von bis zu 50.000 Teilnehmern die Rede.

Bei der ersten Internetkonferenz konnten die Initiatoren Videobotschaften von Prominenten herunterladen, so von USAußenministerin Hillary Clinton und der Schauspielerin Sharon Stone, von israelischen und arabischen Prominenten bis hin zu Mahmud Abbas, dem Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, aber allen voran von Israels Staatspräsident Schimon Peres. Sein Engagement ist naheliegend, denn das gemeinnützige Peres Center for Peace in Tel Aviv-Jaffa steht hinter dem Projekt. Das Zentrum (www.perescenter. com) wurde Anfang 1997 gegründet – gut zwei Jahre nachdem Peres gemeinsam mit Jassir Arafat den Friedensnobelpreis bekommen hatte. Seither verfolgt es das Ziel, arabische und jüdische Menschen im Nahen Osten miteinander ins Gespräch zu bringen oder – spannender noch – ins Zusammenspiel: Zuerst angepfiffen wurden Straßenfußball-Begegnungen mit besonderen Fair-Play-Regeln. Seit 2006 gibt es mit der Al Ouds Association for Democracy and Dialogue (www.aldd-pal.org) eine palästinensische Partnerorganisation.

Offen ist, ob die neue «Facebook»-Initiative des Peres Center for Peace über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt sein wird, weil junge engagierte Internet-Nutzer manchmal – aber keineswegs immer – ein Gespür dafür entwickeln, ob sie in den Foren wirklich selbst das Sagen haben oder ob sie sich den Interessen anderer unterordnen sollen. Die Erfahrung, dass die Jugend Israels, Palästinas und der benachbarten Länder friedlich miteinander umgehen kann, wird erst zur Gewissheit, wenn sich die Grenzen öffnen und sie auch auf den Straßen und an den Arbeitsplätzen zusammen kommen kann.

Doch noch sitzen die einen in Tel Aviv und die andern in Ramallah. Die Internet-Plattform der Young Leaders ist nur wenige Klicks von den Nachrichtenseiten entfernt, die täglich die Sackgassen des Friedensprozesses ausleuchten. Peres hatte schon 1996 nach Raketenangriffen der Hisbollah die Operation Früchte des Zorns im Libanon ausgelöst und damit die Unterstützung der arabischen Israelis verloren, was seine prompt folgende Wahlniederlage gegen Hardliner Netanjahu besiegelte. Dieser ist inzwischen zum zweiten Mal Israels Ministerpräsident und die offiziellen Friedensverhandlungen wurden einmal mehr unterbrochen.

Am 22. Januar äußerte sich Präsident Peres aus «YouTube» gegenüber den Teilnehmern der Internet-Konferenz von «Ya- La Young Leaders», die am folgenden Tag begann. Niemand müsse die Vergangenheit mit ihren Kriegen, Vorurteilen und Katastrophen wiederholen, so Peres. Die Jugend solle miteinander sprechen, um Frieden, Hoffnung und Freiheit durchzusetzen. Frieden könne erreicht werden durch schwierige Verhandlungen, durch das Schaffen von politischen und wirtschaftlichen Institutionen und Strukturen, die der Zusammenarbeit dienen. Aber Frieden zu schaffen sei kein Monopol der Regierenden. Entscheidend sei, dass die Menschen und Völker zusammenkommen. Uri Savir, Leiter des Peres-Zentrums, erklärt es auf «Facebook» direkter: «Wenn wir den Frieden den jetzigen Führungskräften überlassen, führt das zu nichts. Wir müssen die Chancen einer viel jüngeren Generation in den sozialen Netzwerken überlassen. Ich möchte den Tahrir-Platz, den sozialen Prozess des Arabischen Frühlings, auf den Friedensprozess übertragen.»

Das ist virtuell sofort möglich, in Wirklichkeit später. Das Projekt hat ein Verwaltungskomitee mit zwölf Mitgliedern, je vier davon sind Israelis und Palästinenser. Die meisten Unterstützer sind in Ägypten registriert, je viertausend in Israel und Palästina, hunderte auch in vielen anderen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens. Die israelischen Administratoren Tom Dolev und Naama Shamgar werden von «Spiegel Online» mit den Worten zitiert, es komme darauf an, die Nutzer des Onlineportals vom Bloggen und Blubbern am Bildschirm abzubringen und zum Handeln zu motivieren. Dazu dienen vier Ebenen auf der Plattform: eine Kunst-Galerie, ein Musik- und Spieleportal, ein Ausbildungsprogramm für Computerfreaks sowie die «Academy», eine Einstiegs-Ebene für Bildungsprogramme von US-amerikanischen und deutschen Hochschulen. In Vorlesungen und Workshops zu den Schwerpunkten Regierungsführung, Management, Kommunikation und soziale Medien sollen die Studenten ihre Kenntnisse vertiefen, um dann Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen.

Das klingt sehr nach Bildungsstrategien, wie sie die deutsche Bertelsmann-Stiftung seit dem Jahr 2000 mit Projekten der deutsch-israelischen Verständigung verfolgt. Unter der Marke «Young Leaders-Exchange », Austausch junger Führungskräfte, bereisen junge Leute nicht nur Israel, sondern zu Stippvisiten auch Ramallah. Während einer Internet-Präsentation bezieht die Stiftung zu dem Austausch Position: «Der Nahe Osten ist von vitaler Bedeutung auch für die Zukunft Europas. Energiesicherheit, Migration, Sicherheitspolitik und Terrorismus sind Herausforderungen, die Europa, Israel und die arabischen Staaten gemeinsam betreffen.»

Die kommende «Yala Young Leaders Academy» stellt sich selbst als Online-Kurs vor, der jungen Leuten der Nahost-Region möglich machen soll, ihre Generation in eine bessere Zukunft zu führen. Im virtuellen Klassenzimmer sollen sie dabei Prominenz aus angesehenen Institutionen und Schulen des Nahen Ostens und der ganzen Welt kontaktieren. Zum Lehrstoff gehören Zielsetzungen der Regierungstätigkeit, ökonomische Grundkenntnisse, Studien in Kunst und Kultur, die Entwicklung der Kommunikationsfähigkeit und der Umgang mit sozialen Netzwerken für Führungskräfte. Das liest sich wie der Katalog einer schönen alten Welt.

«Jüdische Zeitung», März 2012