Die «jüdisch-christliche Kultur»

 

Ein Verklärungsversuch

 

Von Tahir Chaudhry

 

 

In der Debatte um den Islam wird häufig genau der Bindestrich der «jüdisch-christlichen Kultur» durch selbsternannte Experten als Abgrenzungsmittel zum ganz und gar «bindestrichuntauglichen » Islam eingesetzt. Dem vermeintlichen Angriff auf den Rechtsstaat und auf das Grundgesetz, der freiheitlichen Werte der Gesellschaftsordnung wird versucht panisch Einhalt zu gebieten, indem man belehrend und mit einer absoluten Eindeutigkeit sagt: «Der Islam passt einfach mit seinen Werten nicht zu unserer Kultur!» Hierbei wird vergessen, wie komplex islamische Traditionen sind und wie verschieden sie gelebt werden. So landet man in der aufgeheizten Islam-Debatte ständig bei Standpunkten gewisser geistiger Brandstifter, die vor der drohenden Kapitulation «unserer Kultur» warnen. Wenn man in den Islam-Debatten die Frage stellt: «Warum wird denn unsere Tradition als „jüdisch-christlich“ bezeichnet?» So hört man nahezu immer als Antwort: «Dieser Begriff verweist auf die jüdischen Wurzeln des Christentums.» Da lautet immer meine Gegenfrage: «Ist mit der Nennung des Christentums nicht die jüdische Komponente abgedeckt?» Danach folgt üblicherweise ein Themenwechsel.

 

«Alles andere als bindestrichtauglich»

Ob der Islam zur deutschen Kultur gehört, sei mal dahin gestellt: Aber gehört das Judentum in solcher Weise zu dieser Kultur, dass eine ausdrückliche Nennung wichtig und sinnvoll wäre, wenn es darum geht, diese zu charakterisieren? Wenn an dieser Stelle das Judentum genannt wird, was ist dann mit anderen nichtreligiösen und kulturellen Einflüssen auf unsere Kultur? Die entscheidende Frage lautet: Was steckt hinter dieser jüdischchristlich- abendländischen Maske? Die Geschichte zeigt uns: Als Europa noch Abendland hieß, waren die Juden alles andere als bindestrichtauglich. Wir finden ein Bild des Zusammenlebens vor, das gezeichnet ist von Krieg, Unterdrückung und Ausgrenzung. Die Konstruktion des Jüdisch-Christlich-Abendländischen ist geprägt von einer Genese des Fortschritts, die in der Reformation und in der Französischen Revolution gipfelt. Doch erst nach dem Holocaust begann ein nennenswerter christlich-jüdischer Dialog.

Wenn man ins 19. Jahrhundert blickt, sieht man erstaunliche Parallelen zur heutigen Islam-Debatte. Zu der Zeit waren es die Juden, die unter Generalverdacht standen «integrationsunwillig» zu sein. Ihre religiöse Tradition wurde als Hindernis angesehen, ihre Loyalität bezweifelt und ihre Spiritualität als primitiv angesehen. Ihre Ausgrenzung war damit faktisch besiegelt.

So greift auch Almut Shulamit Bruckstein Coruh, Professorin für jüdische Philosophie und Fellow am Käte-Hamburger-Kolleg in Bonn die jüdisch-christliche Konstruktion scharf an, indem sie sagt: «Nein es gab keine jüdisch-christliche Tradition, sie ist eine Erfindung der europäischen Moderne und eine Lieblingskind der traumatisierten Deutschen.» Die Nennung der jüdischen Komponente bei der Charakterisierung unserer Kultur scheint demnach schlichtweg ein Versuch der Verklärung unserer deutschen Vergangenheit zu sein.

 

Verschollene «judeo-arabische» Kultur

In der Geschichte der Juden Spaniens findet man dagegen ein Beispiel für eine «judeoarabische » Kultur. Es ist in der Tat wenig bekannt, dass Juden in Spanien länger lebten als in jedem anderen Land, einschließlich Israel. Über 1.000 Jahre spielten Juden eine bedeutende Rolle in der kulturellen und sozioökonomischen Entwicklung der iberischen Halbinsel. Es lebten mehr Juden in Spanien als in allen Ländern Mitteleuropas zusammen. Einen Großteil der Zeit auf der iberischen Halbinsel verbrachten diese Juden unter muslimischer Herrschaft, welche auch den längsten Zeitraum einer friedlichen Koexistenz mit anderen Gesellschaften darstellt. Ob Sprachen, Literatur, Philosophie oder Wissenschaft, in nahezu allen kulturellen Bereichen erbrachten sie unter der muslimischen Herrschaft Höchstleistungen.

Mit dem Sieg der Muslime bei Jerez de la Frontera begann im Jahre 711 die rasche Eroberung des Westgotenreiches, indem Juden durch zahlreiche Gesetze christlicher Konzile starker Ausgrenzung ausgesetzt waren. Die dort lebenden Juden empfanden die muslimische Eroberung Iberiens als eine Befreiung. Nun bahnte sich unter der Herrschaft der Umayyaden, die aus Bagdad vertrieben worden waren, ein «goldenes Zeitalter» an, das ihren Beginn im Jahre 929 in der Gründung des Kalifats von Córdoba unter Abd-al-Rahman III. hatte.

 

Kulturelle Vielfalt

Die muslimischen Eroberungen Persiens und Nordafrikas, bis hin zur Iberischen Halbinsel verursachten eine massive kulturelle Vermischung. Und die alten hellenistisch- syrisch-christlichen, persischen sowie des jüdischen kulturellen Einflüsse verschwanden nicht vollkommen, sondern Teile von ihnen vereinigten sich zu einer neuen arabisch-islamischen Kultur. Obwohl der Islam nun die dominierende Religion war und die Sprache der Muslime Arabisch war, war die Gesellschaft säkularer und volksunabhängiger Natur, hervorgegangen aus der kulturellen Vielfalt ihrer Herrschaftsgebiete. Die Juden nahmen gerne die arabisch-islamische Kultur auf und ließen sich von ihr inspirieren, da der Islam in seinem Ursprung jüdisch war und demnach viele Gemeinsamkeiten aufwies. Juden hatten auch keine religiösen Bedenken, die arabische Sprache, die mit dem Hebräischen verwandt war, als ihre eigene zu nutzen, obwohl für Muslime Arabisch die Religionssprache war, ähnlich wie Latein für die Christen. Damit kam es auch zu einer Erneuerung und Erweiterung des hebräischen Vokabulars durch den Einfluss arabischer Wortschöpfungen, die ihre Anwendung in der Philosophie, den Naturwissenschaften und der Literatur fanden. Die toleranten Herrscher von Al-Andalus erlaubten den Juden die Wahrnehmung von nahezu allen gesellschaftlichen Aufgaben. Die zuvor unterdrückten und verfolgten Juden, die fast ausschließlich als Handwerker oder Kleinhändler tätig gewesen waren, wurden nun wohlhabende Bürger, die im Handel und im Bankwesen arbeiteten. Die verbesserten sozialen Umstände erzeugten die Fähigkeiten und den Bedarf nach kulturellen Tätigkeiten. So war es ab Mitte des 10. Jahrhunderts für gut gebildete Juden möglich, administrative Aufgaben an Gerichten zu übernehmen. Neben der Wahrnehmung von Berufen wie Zollbeamte oder Steuereintreiber durften Juden als Außenminister, Botschafter, Generäle und Berater für die Herrscher arbeiten. Viele der Juden förderten auch Kultur und Künste. Sie waren aber auch versiert in jüdischer sowie säkularer Gelehrsamkeit und schrieben wissenschaftliche Abhandlungen oder literarische Werke. Autoren und Poeten unterhielten ihr kulturelles Engagement in ihrer Freizeit, indem sie hauptberuflich als Ärzte oder Händler tätig waren. Obwohl Juden unter muslimischer Herrschaft einen Status nichtmuslimischer «Schutzbefohlener » besaßen, der einen eingeschränkten Rechtsstatus bedeutete, konnten sie all diese Berufe ausüben.

 

Flüchtlinge im christlichen Exil

In der Folge der christlichen Rückeroberung, der sogenannten «Reconquista», lebten Juden als Flüchtlinge im christlichen Exil. Obwohl diese Rückeroberung vordergründig eine Befreiung von der Herrschaft fanatischer Almohaden bedeutete, ging die Freude nach kurzer Zeit in Furcht und Schrecken über. Denn seit dem 6. Jahrhundert galt dort das kirchliche Judenrecht, das den Juden wesentlich schlechtere Chancen gab als das muslimische Recht. Denn die Juden galten als Mörder Christi und mit der Verweigerung der Annahme des christlichen Glaubens bekannten sie sich, gemäß der christlichen Theologie, immer neu zu dieser Sünde. Die Christen waren nach kirchlicher Lehre jetzt die wahren Juden und die Erben Israels. So hatten die Juden in der christlichen Gesellschaft prinzipiell kein Existenzrecht. Es war jedoch verboten Juden zu töten oder mit Zwang zum christlichen Glauben zu bekehren. Sie wurden demnach zunächst geduldet, wenn auch auf einer möglichst tiefen menschlichen Rangstufe.

Dieses Prinzip stieß oft mit den Interessen der christlichen Herrscher zusammen, die die Juden für ihre politischen Zwecke benötigten. Denn sie waren die einzig fähigen Vermittler zwischen abgelegenen Reichen und der mittelmeerischen Welt in den Bereichen Handel und Kultur. Niemand sonst war sprachlich gebildeter, politisch und ökonomisch versierter als die Juden.

Die neue jüdische Gesellschaftsgruppe im christlichen Herrschaftsgebiet wurde bald als überlegene Konkurrenz empfunden. Hass und Neid breiteten sich rasch in der Gesellschaft aus und der Druck auf den König seitens der Bevölkerung stieg. Es wurden Forderungen laut, schnellstmöglich alle Juden zu beseitigen. Von nun an galten sie faktisch als Besitztum der Krone und nur der König besaß die Macht, diesen schutz- und rechtlosen Juden Privilegien zu gewähren. Für die Juden brach nun die Zeit von Verfolgung und Zwangsbekehrung an, die in im 15. Jahrhundert der Vertreibung der Juden aus Spanien gipfelte.

«Jüdische Zeitung», März 2012