«Gut für Israelis, gut für Touristen»

 

Der israelische Tourismusminister Stas Misezhnikov im Gespräch

 

Das Gespräch führte Eleonora Khrizman

 

 

Die Pressekonferenz mit dem israelischen Tourismusminister Stas Misezhnikov (Israel Beitenu) fand in einer informellen Atmosphäre statt: im Reisebus, unterwegs von einer Sehenswürdigkeit zur anderen. In der Nähe des bezaubernden israelischen Städtchen Zichron Jaakow befinden sich der Park von Baron Rothschild, die Zitadelle Shuni, das Weinhaus Carmel Mizrachi, das Artilleriemuseum und viele andere touristische Attraktionen. Stas Misezhnikov erzählt gern von seinen künftigen Arbeitsplänen, aber auch von den bereits erreichten Zielen.

Stas Misezhnikov: Ich denke, sie haben bereits viel vom instabilen Regierungssystem in Israel gehört. Wenn alles gutgeht, werde ich der erste Tourismusminister sein, der einen dreijährigen Arbeitsplan entwarf und diesen Plan dann auch erfüllt. In den vergangenen zehn Jahren wechselte der Tourismusminister in Israel zwölfmal. Das ist alles andere als Normalität. Im Laufe des ersten Jahres wurden anhand des differenzierten Marketings Reisen nach Israel dennoch für verschiedene Zielgruppen attraktiv gemacht. Die Ergebnisse waren sensationell: Im Jahr 2011 gab es einen echten «Reiseboom»: 3,5 Millionen Touristen besuchten Israel.

 

Aus welchen Ländern kommen diese Touristen?

Nach der Aufhebung der Visumspflicht zwischen Russland und Israel arbeitete das israelische Tourismusministerium sehr eng mit dem russischen Tourismusmarkt zusammen. Auch die Evangelikalen aus Amerika und anderen Ländern gehörten zu unserer Zielgruppe. Nachdem nun 3,5 Millionen Touristen Israel besuchten, wurde jedoch klar, dass wir einen Mangel an Hotelzimmern haben. Um es deutlich zu machen: Unser Ziel für das Jahr 2015 ist, fünf Millionen Touristen in Israel willkommen heißen zu können. Dafür fehlen uns jedoch rund 18.000 Hotelzimmer, denn momentan gibt es nur 44.000 Hotelzimmer in Israel. Das ganze letzte Jahr haben wir deshalb dem Bau von zusätzlichen Hotelzimmern und der Sanierung von bestehenden Hotels gewidmet.

Durchschnittlich dauert es in Israel zehn Jahre, bis ein Hotel in Betrieb gehen kann. Das ist eindeutig zu lang! Wenn es im Jahr 2015 immer noch an Hotels mangelt, werden wir gezwungen sein, die Touristen, die zum Beispiel in Jerusalem wohnen möchten, nach Aschkelon oder in andere Städte zu schicken. Das ist natürlich kein Zustand! Touristen müssen die Möglichkeit haben, dort zu übernachten, wo sie übernachten möchten. In diesem Jahr konzentrieren wir uns zunächst darauf, bürokratische Hürden abzubauen und staatliche Hilfe für Unternehmer aufzustocken, die uns die fehlenden Hotels bauen, insbesondere in Jerusalem, Tel Aviv und am See Genezareth.

 

Welche Prioritäten setzt das Tourismusministerium für das Jahr 2012?

Wir möchten unser touristisches Angebot erweitern. Ich spreche nicht nur über Weinhäuser oder darüber, dass unser Land vier Seen und sieben Klimazonen hat. Jedes Mal, wenn ich im Ausland bin, sage ich: «Israel ist das einzige Land der Welt, in dem man am selben Tag im Februar in Eilat baden und nach sieben Stunden Autofahrt auf dem Mount Hermon Ski fahren kann.» Unser Hauptziel ist es, im Laufe dieses Jahres die Preise für einen Urlaub in Israel um 25 Prozent zu senken. Denn viele wurden bislang von den recht hohen Preisen israelischer Reiseangebote abgeschreckt. 2011 «verlor» Ägypten rund drei Millionen französische Touristen, die nach Scharm El-Scheich wollten. Die Frage ist nun: Warum können dieselben Touristen nicht bei uns ihren Urlaub machen? In Frankreich stellte ich diese Frage den dortigen Tourismus-Experten. Es zeigte sich, dass die Hälfte der Reisenden nicht weiß, dass Eilat am Roten Meer liegt, und die andere Hälfte einen Urlaub in Israel als sehr teuer empfindet und es vorzieht, entweder in Frankreich zu bleiben oder andere Reiseziele anzustreben. Ich bin mir sicher: Wenn wir die Preise für touristische Angebote für Israelis senken, wird das Geld in Israel bleiben, welches unsere Bürger bislang in anderen Ländern, sprich in der Türkei, in Griechenland oder auf Zypern für ihren Urlaub ausgeben. Natürlich werden wir nicht «alles inklusive» und vier Mahlzeiten am Tag versprechen können. Wenn wir jedoch unsere Preise um 25 Prozent senken, werden unsere Gäste zwei Mahlzeiten pro Tag bekommen und dabei viel Spaß haben.

 

Wie kann man die Preise senken?

In Jürmala habe ich einen wunderbaren Slogan gehört: «Was für die Letten gut ist, ist auch für die Touristen gut». Wenn mehr Israelis ihren Urlaub in Israel verbringen werden, wird unser Land auch für die ausländischen Touristen attraktiver. Selbstverständlich kann ich den Hotelbesitzern morgen nicht plötzlich sagen: «Senken Sie Ihre Preise!» Der Gewinn dieser Unternehmer ist vergleichsweise niedrig. Ein Beispiel: Die Kette «Fattal», die Hotels in Frankreich und in Israel unterhält, macht in Frankreich einen 30-prozentigen Gewinn. In Israel beträgt ihr Gewinn nur 13 Prozent. «Fattal» wartet jedoch etwa zehn Jahre, bis ein Hotel in Betrieb geht. Zwei Jahre dauert dabei der Bau selbst – und die restliche Zeit nehmen die Überwindung bürokratischer Hürden, sprich Zertifizierung und die Streitigkeiten mit den «Grünen» in Anspruch.

 

Warum ist ein Urlaub in Israel so teuer?

Erstens bezahlen Hotels höhere Grundstücksgebühren als alle andere Unternehmen in Israel. Wenn wir die Höhe dieser Gebühren vom Gewinn der Hotels abhängig machen, werden die Hotels sofort weniger bezahlen müssen. Zweitens sind die Wassertarife zu hoch, was auch Einfluss auf die Zimmerpreise hat. Außerdem haben israelische Hotels noch zusätzliche Ausgaben: erstens für die Wächter, zweitens für die Koscher-Inspektoren. Von letzteren werden in jedem Hotel zwei Stellen besetzt: einer für Fleisch- und einer für Milchprodukte. Wenn wir beispielsweise eine Stelle kürzen, werden die Kosten für die Hotelbesitzer und damit auch für die Hotelgäste bereits erheblich reduziert. Noch ein ganz wichtiger Grund für die hohen Preise ist, dass die Nachfrage für Hotelzimmer höher als das Angebot ist. Wir sollten daher im ganzen Land so viele Hotelzimmer bauen wie möglich und auch die Bauzeit deutlich reduzieren. Das Tourismusministerium will dafür die vollständigen Befugnisse zur Verteilung von Grundstücken an Unternehmer, die die zusätzlichen Hotels bauen wollen, erhalten. Dies verhandeln wir momentan mit dem Liegenschaftsamt. Mir ist bereits gelungen, noch weitere Gebiete auf unsere Prioritätenliste für Hotelneubauten zu setzen: Eilat, das Untere Galiläa, Bet Schean, Nazaret. Dies ermöglicht es unserem Ministerium, unentgeltliche Staatshilfen in Höhe von zehn bis 20 Prozent an Unternehmen zu vergeben. Wenn wir die Baugebiete erweitern, dann kommen mehr Anbieter auf den Markt, die Konkurrenz wächst und die Preise für die Reisenden sinken. Ich bitte das Finanzministerium darum, mir volle Befugnisse zur Verteilung des Tourismus-Budgets zu geben. Achtung: Ich bitte nicht um die Erhöhung des Budgets! Das Tourismusministerium plant auch die Aufhebung der Visumspflicht zwischen Israel und Weißrussland, was dazu beitragen soll, dass mehr Touristen aus diesem Land nach Israel kommen. Eine weitere Möglichkeit zur Senkung von Unterkunftskosten ist der Bau von zusätzlichen Zimmern in Zweiund Drei-Sterne-Hotels. Dies würde eine zusätzliche Preiskonkurrenz bedeuten. Außerdem werden wir eine einheitliche Hotelbewertung vollziehen und damit einen einheitlichen Qualitätsstandard für Hotels einführen. Bislang bewertet sich jedes Hotel, wie es will. Ich verfüge heutzutage über ein größeres Marketingbudget als jemals ein Tourismusminister in der Geschichte Israels. Wir konnten beweisen, dass wir mit ausländischen Touristen, die wir ins Land holen, die israelische Wirtschaft stärken können. Der Direktor der israelischen Zentralbank, Stanley Fischer, nannte den Tourismus «die mächtigste Branche für die Schaffung von Arbeitsplätzen». Im letzten Jahr wurden in der Tourismusbranche rund 16.000 neue Arbeitsplätze geschaffen, obwohl nur drei Prozent des Bruttosozialproduktes in Israel auf den Tourismus entfallen.

«Jüdische Zeitung», März 2012