Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Gijur – Segen oder Fluch?
In einem laufenden Verfahren vor dem Schieds- und Verwaltungsgericht beim Zentralrat der Juden in Deutschland, geschieht das Ungeheuerliche: Der Vorstand einer jüdischen Gemeinde versucht mit allen Mitteln und auf Betreiben eines Rabbiners, der noch nicht einmal Gemeinderabbiner ist, ein Gemeindemitglied aus der jüdischen Gemeinschaft auszuschließen. Angriffspunkt ist vornehmlich eine Übertritturkunde. Der Skandal ist perfekt. Derselbe Rabbiner, Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz (ORD) und Hauptverantwortlicher dieses für die Betroffene demütigenden Verfahrens, erdreistet sich, in seinem als Beweis eingeführten «Gutachten» in das laufende Verfahren über die Urkunde dieses Gijurs als selbsternannter Richter entscheiden zu wollen. Er erklärt, die rechtliche Wirksamkeit der Urkunde und des Gijurs, der unter anderem von einem bekannten Rabbiner der Union Progressiver Juden begleitet und unterschrieben wurde, für unwirksam: Die ORD erkenne liberale «Übertritte» nicht an. Der Vorsitzende Richter kann diese Übertritturkunde nun einem unabhängigen Bet Din vorlegen. Dass es soweit kommen muss, ist schon ein Skandal für sich.
Verfängliches Druckmittel Die Betroffene ist entsetzt, da offensichtlich ist, dass sie über diese «Schiene» los werden zu wollen. Damit werden der Gijur und die Urkunde zu einem verfänglichen Druckmittel. Die Frage, die sich anschließt, ist die: Führt dieses Schriftstück letztlich dazu, dass man von der jüdischen Gemeinschaft akzeptiert wird? Macht es einen Menschen, der diese Übertritturkunde erhält, zu einem «vollwertigen» Juden? Diese Fragen müssen sich auch noch andere Menschen im Judentum stellen. Nämlich diejenigen, die mit einer jüdischen Vergangenheit konfrontiert und aufgewachsen sind, aber halachisch gesehen keine Juden sind. Symptomatisch das nachfolgende Beispiel: Als eine 18-Jährige zur Jewish Agency kam, weil sie in einen Kibbuz nach Israel wollte, wurde sie gefragt, ob sie Jüdin sei? Daraufhin fing die verunsicherte junge Frau an, ihre Familiengeschichte aufzurollen. Sie erzählte von ihrem jüdischen Großvater und ihren Motiven. Daraufhin wurde ihr vom damaligen Leiter der Jewish Agency gesagt: «In gewisser Hinsicht gehörst du zu uns, aber wenn du nicht konvertierst, wirst du nicht anerkannt.» Ist das tatsächlich so? Diese Menschen haben eine Geschichte, durch einen Vater, einen Großvater oder andere Verwandte, die Juden waren. Sie wachsen als Kinder in einer Familie auf, die diese jüdische «Belastung» mit sich bringt und diese an die zweite und dritte Generation weitergibt. Sie wachsen als Kinder in einer Familie auf, die eine lange Geschichte zu erzählen hat: von Leid und Hoffnung, von Verachtung und Morden, von Ausgrenzung und Verbergen. Manchmal wird sogar verboten, darüber mit anderen zu sprechen.
Zwei Identitäten Sie wachsen zwangsweise mit zwei Identitäten auf, einer nichtjüdischen Identität und einer – sich wie auch immer entwickelnden – jüdischen Identität. Mit allen Fragen, die beantwortet werden oder nicht beantwortet werden. Sie wachsen als Kinder auf und leiden stellvertretend für den jüdischen Teil, den Vater oder den Großvater, der ohnmächtig ist, seine Worte für das Schreckliche, den Mord an seinen Eltern, Geschwistern oder Cousinen zu finden. Manchmal sind es nur wenige Worte, die der in sich still hinein weinende Vater oder Großvater findet und weitergibt: «Wir sind Juden, sie haben meine Mutter und alle anderen umgebracht. Aber du darfst das keinem erzählen. Bloß nicht!» Die Augen des kleinen Kindes sind groß und verstehen nicht. Erst später, wenn der Vater, immer wieder, diesen Satz wiederholt, einbläut, wie das Bekenntnis «Höre Israel…», der Großvater, der von seiner Frau immer scherzhaft in Gegenwart der Enkelin als «Jude» genannt wird, bis die Enkelin ihn fragt und er sagt: «Ich bin Jude. Hast Du mich jetzt noch lieb?» Und die Augen des Kindes sind groß und werden immer größer und es versteht zunächst nichts. Erst später, weil sich der Satz «Ich bin Jude. Hast mich jetzt noch lieb?» tief in die Seele eingräbt und ihr Leben verändert und ihm eine andere Richtung geben lässt.
Es geht um Identität Dieser Weg unterscheidet sich gänzlich von der Selbstfindung pubertierender junger Menschen, die in dieser Zeit ihren eigenen Weg suchen. Hier geht es vor allem um Identität. Diese Identität entsteht in der Familie und wird auch nur dort bestimmt und nicht durch das Religionsgesetz oder durch Entscheidungen von Rabbinern. Nicht diese können entscheiden, wer man ist. Aber sie tun es. So leben diese Menschen in einem Schwebezustand zwischen Sein und Nichtsein. Dieser Zustand ist nicht nur innerhalb der jüdischen Welt, sondern auch außerhalb der jüdischen Welt wahrnehmbar. Für manche wird diese Problematik dermaßen unerträglich, dass sie, obwohl sie jüdisch aufgewachsen sind, einen großen Bogen um alles «Jüdische» machen und versuchen, ihre jüdischen Wurzeln gänzlich aus ihrem Leben zu streichen. Obwohl er vielleicht lange Zeit in Israel gelebt hat und fließend Hebräisch spricht, entschied sich dieser Mensch im Erwachsenenalter, sich taufen zu lassen. Wieder in Deutschland, auf einer Party, holt ihn seine Vergangenheit ein. Dort wurde er überraschend angesprochen, ob er denn noch Kontakt zur jüdischen Gemeinde hätte. Die anwesenden Kommilitonen schauten ihn fragend an. Peinlich berührt, fast leise, murmelte er: «Mein Vater ist Jude.» Sein Schritt ist konsequent, da er auch aus der Sicht des eigenen Vaters kein «richtiger» Jude sein kann. Das war wohl die bessere Entscheidung als ins Judentum zu konvertieren. Denn, der israelische Vater müsste in diesem Irrsinn auch offiziell bekennen, dass er kein jüdisches Kind hat. Es sei denn, es begeht einen Gijur. Daran schließt sich die Frage an, ob denn diese Urkunde diesen Menschen zu einem «vollwertigen» Juden macht. Aus Sicht der Gemeindemitglieder und des Vaters müsste dieser Mensch demnach «nur» ein Konvertit, also kein «echter» Jude sein. Das ist krank. Doch die Spitze der Fieberkurve dieser Krankheit ist noch nicht erreicht. Übertritte in das Judentum scheinen eine Farce zu sein. Ob mit oder ohne jüdischen Hintergrund. Im oben geschilderten Fall wird dies ganz deutlich aufgezeigt. In den Gemeinden – und das ist ein offenes Geheimnis – herrschen «Rankinglisten der Jüdischkeit». Ob subtil, offen, schweigend oder direkt verlautbarend: die Hackordnung ist festgelegt. Sätze wie nachfolgende sind keine Seltenheit: «Wir sollten einen Gentest einführen, damit wir sicher sein können, dass nur ein Jude im Vorstand sitzt!» oder «Ich bin doch Eure jüdische Mutter. Ich bin eine richtige Jüdin, weil meine Mutter Jüdin war!»; «Zumindest hat er ja noch einen jüdischen Vater oder sie einen jüdischen Großvater.» Und diese Hackordnung wird dort in ihrer ganzen Perfidität ausgelebt, wo es gilt, ein politisch unerwünschtes Gemeindemitglied auszuschalten. Da wird dann versucht, die Tatsache eines Gijur als Makel hinzustellen, sei es durch den Vorstand oder einen dem Vorstand gefälligen Rabbiner. Selbst die Person, der man zuvor noch bescheinigt hatte, es sei aufgrund ihres jüdischen Vaters doch etwas anderes, wenn sie in das Judentum zurückkäme, wird plötzlich durch diese Urkunde angreifbar. Was zuvor noch als etwas «Besonderes» hervorgehoben wurde, nützt nun gar nichts mehr.
Der «Wert der Urkunde» Damit relativiert sich der «Wert der Urkunde » und der Übertritt scheint nur wenigen Segen zu bringen: denjenigen, die daran verdienen. So muss ein Kandidat bis zu 950 Euro dafür berappen, damit man ihm im Nachhinein dann mitteilen kann, dass er ja doch nicht anerkannt ist. Und das sprengt unseres Erachtens das Fieberthermometer. Da helfen auch keine Tabletten und Wadenwickel mehr, der Patient «Konvertit» liegt in den letzten Zügen und sein naher Tod ist absehbar. Es geht nicht um den Menschen und seine Geschichte, sondern lediglich um die Einhaltung äußerlicher jüdischer Regeln, um sie dann nach Belieben politisch zu instrumentalisieren. Nach dem der jüdische Dolch schon mehrmals zugestochen hat, kommen noch Hiebe aus der nichtjüdischen Welt hinzu, um den armen Delinquenten den Rest zu geben. Das enttäuschte Gesicht einer evangelischen Pastorin nach der Beantwortung der Frage, ob ein Jude denn ein «richtiger» Jude sei, und er antwortete, dass er «nur» von dem jüdischen Vater abstamme, sprach für sich: «Ach, dann sind sie ja gar kein richtiger Jude!» Einem an Israel interessierten jungen Mann wurde ausnahmsweise einmal von einem Juden ein guter Ratschlag erteilt: «Bleib ein guter Freund Israels, damit bist Du besser beraten, als zu konvertieren.» Das jüdische Umfeld in Deutschland, mag es in Amerika anders sein, erscheint kalt, arrogant und rassistisch. Die Frage, ob man überhaupt zum Judentum konvertieren kann, trotz schmeichelnder und vermeintlich offenherziger Beteuerung, müsste fairerweise mit «nein» beantwortet werden. Reicht es aus, dass man jüdische Wurzeln hat, den Vater, den Großvater? Macht ihn diese Urkunde, ein bisserl jüdischer als vorher? Wohl kaum. Die jüdischen Vorfahren, Verwandten und deren Verlust durch die Schoa bleiben unbesehen und bestehen, unabhängig von dem Stück Papier, das einem eine vermeintlich jüdische Identität geben soll. Anstatt dieses Schriftstücks, das am Ende nur einer Stigmatisierung gleichkommt, sollte man diese Menschen ankommen lassen, nicht mehr und nicht weniger. Anstelle sich über die Nachkommen von Juden in Deutschland zu freuen, schickt man sie in die steinige Negev-Wüste. Das ist Selektion, Ausgrenzung und Rassismus. Und diejenigen, die das Glück haben, keine jüdischen Verwandten zu haben, sei mit den Worten Ruths gesagt: «Dein G’tt ist mein G’tt. Dein Volk ist mein Volk.» |