Koscher ist «in»!

 

Ein Besuch auf dem «Ersten Koscher-Fest Deutschlands»

 

Von Olga Onokova

 

 

Dass im Jüdischen Bildungszentrum in Berlin-Wilmersdorf viel los sein muss, kann man schon von der Straße aus ahnen. Einzeln oder in Gruppen zieht es pausenlos Menschen in das neue Gebäude des Zentrums hinein. Aber nur wenige von ihnen kommen wieder heraus.

Bereits am Eingang, an dem man freundlich begrüßt wird, lockt der Duft von frisch gebackenem Brot. Geht man dann die erste Treppe hinauf, sieht man einen großen Tresen, auf dem in langen Reihen zu Zöpfen geformtes Brot ausliegt. Zwischen diesen Reihen ruhen runde breite Brotleibe. Rechts und links davon, sind bunte Reihen aus Säften und Weinen zu sehen.

Die Menschen hier sprechen laut und lachen, viele von ihnen sind traditionell und feierlich gekleidet: jüdische orthodoxe Männer mit schwarzen Anzügen und Hüten, Frauen mit langen Röcken und hinter dem Kopf zusammengebundenen Kopftüchern. Sie sprechen Deutsch, Französisch, Hebräisch und – am häufigsten – Russisch. Viele von ihnen essen, meistens im Stehen oder Gehen, der eine hält einen Teller, auf dem ein kleines Stückchen Kuchen liegt, der andere isst Sushi. Kinder rennen zwischen den Erwachsenen umher, viele von ihnen haben rote Boxen mit chinesischem Essen in der Hand. Eine Dame mit markantem rotem Lippenstift spricht von frisch gebratenem Fleisch, das im nebenliegenden Raum serviert wird und zwei Männer fragen nach Bier. Es herrscht eine wahre Vielfalt an Gerichten, Getränken und Gerüchen. Aber alles hier ist koscher.

Was wie ein Traum für einen gläubigen Juden, der auf die Speisegesetze achtet, aussieht, wird an diesem Sonntag wahr. Das auf die Initiative des Jüdischen Bildungszentrums Chabad Lubawitsch und mit Unterstützung der Jüdischen Gemeinde Berlin veranstaltete «Koscher-Fest» gibt Raum für etwa 20 Aussteller, die mit koscheren Lebensmitteln handeln oder koschere Gerichte anbieten.

 

Zeit für Veränderung

Wenn man den Brottresen entlang ein paar Schritte weiter geht, mischt sich das Aroma mit dem Duft von frisch geschmortem Fleisch und gebratenen Pilzen. In einem großen Raum mit weiß gedeckten Tischen wird frisches Essen angeboten: Fleisch, Folienkartoffeln mit frischem Kräuterquark und elegant zubereitetes Gemüse. An einer Ecke steht ein Japaner und bereitet koscheres Sushi zu. Eine Vielfalt an Gerichten für jeden Wunsch und Geschmack.

«Kommen Sie mit!», ruft eine energische junge Dame und bewegt sich mit bewundernswerter Eleganz und Schnelligkeit zwischen den zahlreichen Gästen. Bella Zwiraschwili ist selbständige Veranstaltungsmanagerin und für die Organisation des Festes zuständig. «Folgen Sie mir ins Büro, da haben wir ein wenig Ruhe», lächelt sie herzlich. «Die Veranstaltung ist ein echter Erfolg! Sie werden es nicht glauben, in knapp sechs Wochen ist es uns gelungen, dieses Fest mit rund 20 Ausstellern und rund 1.000 Besuchern auf die Beine zu stellen», sagt sie voller Stolz und erläutert das Konzept der Messe. Ihr ist es vor allem wichtig, «den Menschen zu zeigen und zu erklären, was genau koscher bedeutet, wie gesund es ist, koscher zu speisen und wie einfach es geworden ist, heutzutage koscher zu leben».

Bisher war es in Berlin nicht leicht, den jüdischen Speisegesetzen zu folgen. Es gibt bislang nicht allzu viele koschere Lebensmittelgeschäfte, viele von ihnen sind nur wenig bekannt und teilweise sind sie auch recht teuer. In der Berliner Gastronomie gibt es bislang nur eine Handvoll koschere jüdische Lokale, die meistens von jüdischen Touristen oder den gläubigen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde leben. Die Nachfrage von Nicht-Juden am Angebot dieser Lokale ist dabei angeblich nicht allzu hoch. Die Gründe dafür könnten allerdings vor allem am geringen Bekanntheitsgrad dieser Lokale sowie am mangelnden Interesse des Berliner Publikums für jüdische Gastronomie liegen. Ein weiterer Grund, der die Menschen vom Restaurantbesuch abhalten könnte, sind die strengen Sicherheitskontrollen am Eingang der Gastronomiebetriebe, die sich oft in Einrichtungen, wie dem Jüdischen Museum befinden. Es gibt aber auch andere jüdische koschere Restaurants, bei denen sich die Besucher solchen Kontrollen nicht unterziehen müssen. 

Einen größeren Erfolg genießen die nicht koscheren Gastronomiebetriebe, die jüdische Gerichte in das internationale Menü integrieren.

«Das Interesse an koscherem Essen wird größer», fährt Bella Zwiraschwili fort. «Einer der Gründe dafür ist, dass die israelische Gemeinschaft in Berlin in der letzten Zeit stärker wird, und viele, die kommen, sind religiös und sie möchten natürlich koscher essen gehen und die Kaschrut befolgen.»

 

Auf einer Stufe mit «Bio»

Zurück zum Gastronomieparadies, das sich über das Erdgeschoss, das erste und zweite Obergeschoss des Jüdischen Bildungszentrums zieht. Am Stand eines koscheren Lebensmittelanbieters stehen zwei junge Mädchen, fragen nach dem koscheren Fleisch und nehmen eine Visitenkarte des Geschäftes.

Auf die Frage, ob sie oft koscher kochen, erwidern sie lächelnd: «Überhaupt nicht!» Die beiden sind nicht jüdisch und es ist das erste Mal, dass sie sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben. «Wir haben einige jüdische Freunde, die Koscher-Parties organisieren. Es ist irgendwie Mode geworden», sagt die eine, «es ist gesund», fügt die andere hinzu.

Koschere Lebensmittel können laut Bella Zwiraschwili dank eines aufwendigen mehrstufigen Verarbeitungsverfahrens auf eine Stufe mit Bio-Produkten gestellt werden. Und deshalb seien sie auch ebenso gesund. Auch für laktoseintolerante, vegetarische oder muslimische Konsumenten können koschere Produkte eine alternative zu herkömmlichen Lebensmitteln darstellen. Oft sind koschere Lebensmittel jedoch immer noch zu teuer, weshalb Experten das wahre Potenzial des Angebots erst dann erreicht sehen, wenn koschere Produkte zu normalen Preisen angeboten werden.

 

Spitzenköche lernen von Rabbinern

Im Jüdischen Bildungszentrum duftet es inzwischen nach dem warmen Apfelkuchen mit Streuseln und Zimt, den Andre Trojanowski, Koch im Ritz-Carlton-Hotel soeben aufgeschnitten hat. Auch die Spitzenhotels sind auf der Messe vertreten – denn auch deren Köche lernen zunehmend koscher zu kochen. «Wir sind relativ neu auf dem Markt», offenbart Andre Trojanowski. «Aber der Plan ist, dass wir in der Zukunft bei jüdischen Hochzeiten, Veranstaltungen, Jubiläen koscher kochen werden», verrät er die Marktstrategie des Hotels. Die Nachfrage sei groß und das Angebot werde sich auch wirtschaftlich lohnen. Dass es sehr aufwendig ist, den Arbeitsplatz und den Kochprozess den koscheren Anforderungen anzupassen, hat der Spitzenkoch selber erlebt. Nach mehreren theoretischen Schulungen, die der Vorsitzende des Jüdischen Bildungszentrums, Rabbiner Yehuda Teichtal, den Koch-Profis persönlich gegeben hat, erproben die Köche jetzt unter der Begleitung und Beratung eines Kaschrut-Aufsehers, koschere Gerichte vorzubereiten.

 

 

Auch zum Ende des Fests sind die Räumlichkeiten des Hauses immer noch gut gefüllt. Jetzt sind fast nur junge Gesichter zu sehen. «Junge Menschen machen immer öfter koscher Partys oder feiern den Schabbat », resümiert Rabbiner Teichtal zufrieden. «Es gibt mehr Interesse am positiven jüdischen Leben.» Der Rabbiner beugt sich beim Wort «positiv» energisch nach vorn und lächelt.

«Wir hoffen, dass es bald noch mehr koscheres, mehr jüdisches Leben gibt. Gerade in diesen Zeiten.»

 

 

Hintergrund

Was ist koscher? Was koscher ist, ist für den Verzehr erlaubt. Das sagen die Regeln des Kaschrut, der jüdischen Speisegesetze, wie sie der Tora, den fünf Büchern Moses, entnommen und in der talmudischen Tradition weiterentwickelt wurden. Religiöse Vorschrift wurde, was gesund war und ein langes Leben in Aussicht stellte. Orthodoxe Juden beachten die Bestimmungen im strikten Glauben an die Gebote des wahren Herrn. Säkularen Juden kommt es nicht auf das Zerti kat des Rabbiners im Supermarkt an, sondern eher auf das Bio-Siegel und Verfallsdatum der Waren.

Nach den Regeln des Kaschrut sind Tiere koscher und zum Verzehr geeignet, wenn sie Wiederkäuer und Paarhufer sind. Gespalten sind etwa die Hufe der Rinder. «Treife», also nicht koscher, sind dagegen die zwar paarhu gen Schweine, die aber ihre Nahrung nicht wiederkäuen. Fische sind koscher, wenn sie – etwa vor der Zubereitung zum «ge llten Fisch» – Flossen und Schuppen haben.

Nicht koscher ist der Genuss von Blut. Tiere müssen deshalb so geschlachtet werden, dass sie vollständig ausbluten. Perfekte jüdische Schlachter ersparen ihnen beim so genannten Schächten unnötige Quälerei, wenn sie mit einem genau platzierten raschen Schnitt die Kehle durchschneiden. Strittig ist unter Rabbinern, ob ein unkoscheres «bloody Steak», wie für jedermann einfach nur ungesund ist oder eine Gefahr für die Seele der Religiösen bedeutet, weil es blutrünstig machen kann.

Eine dritte Grundregel ist, dass  eischige und milchige Lebensmittel nicht in Berührung gebracht und gemeinsam verzehrt werden dürfen. In einem koscher geführten Haushalt gibt es getrennte Küchen mit unterschiedlichen Töpfen, Gedecken und Besteck – einmal für Speisen wie Braten und Wurst, zum anderen für Milchspeisen wie Käse oder Milchreis. Denn Milch von der Kuh ist zwar koscher, darf jedoch nicht zusammen mit dem Rinderbraten in den Kühlschrank oder auf den Tisch. Zu den neutralen Lebensmitteln gehören Obst, Gemüse, Getreide, Honig von unkoscheren Bienen und Eier von erlaubten Vögel. Sie können sowohl das  eischige wie das milchige Mahl ergänzen.

KC

«Jüdische Zeitung», April 2012