Streit ums Denkmal. Foto: A.

Zweierlei Maß in Estland

Doppelzüngige «Aufarbeitung» der Vergangenheit

 

TALLINN Russen gegen Esten: Ein neuer ethnischer Konflikt in Europa? Diesen Eindruck konnte gewinnen, wer die Bilder von den Protesten gegen den Abbau des sowjetischen Weltkriegsdenkmals in der estnischen Hauptstadt Tallinn sah. Aber: was war wirklich passiert?

Während des Parlaments-Wahlkampfs im Frühjahr hatte der Führer der rechtsliberalen Reformpartei, Andrus Ansip, mit der Forderung, den «bronzenen Soldaten» abzubauen, Stimmen unter den rechten Wählern gesammelt. Das Thema kam offenbar an. Die Reformpartei legte um zehn Prozentpunkte zu und kam auf 27,8 Prozent der Stimmen. Sie überflügelte damit die linksliberale Zentrums-Partei, die 26,1 Prozent der Stimmen bekam. Die Linksliberalen, die auch von vielen Russen gewählt werden, waren nicht generell gegen die Verlegung des «bronzenen Soldaten», der von vielen Esten als Symbol der sowjetischen Okkupation angesehen wird, bemühten sich aber in dieser Frage um einen Dialog mit der russischen Bevölkerungsminderheit. Die Abneigung vieler Esten ist verständlich: Unter sowjetischer Herrschaft wurden 30.000 Menschen nach Sibirien deportiert, Tausende ermordet, wer noch entkommen konnte, ins Exil vertrieben.

Ebenso wie Lettland und Litauen war die Balten-Republik ihrer Intelligenz und ihrer führenden Köpfe aus Politik und Wirtschaft, aus Kultur und Gesellschaft beraubt, darunter unzähliger Juden: Bereits im Dezember 1941, unmittelbar nach der Besetzung Estlands durch deutsche Truppen, konnte das «Reichskommissariat Ostland» nach Berlin melden, dass Estland «judenfrei» sei. Die Vernichtung der etwa Eintausend noch in Estland verbliebenen Juden war schnell vollzogen.

Aus nicht nachvollziehbaren Gründen entschied Premierminister Ansip, der jetzt in einer Koalition mit der rechtskonservativen Partei «Pro Patria - Res Publica» und den Sozialdemokraten regiert, den «bronzenen Soldaten» ausgerechnet zwei Wochen vor dem russischen Siegesfeiertag am 9. Mai abzubauen. Das Argument der neuen Regierung: Das Denkmal sei zum «Unruheherd» geworden. Am 9. Mai 2006 habe man dort rote Fahnen gesichtet, Jugendliche hätten Bierflaschen zerschlagen. Der «bronzene Soldat» und die sterblichen Überreste von 12 sowjetischen Soldaten bräuchten einen «ruhigen Platz», erklärte Verteidigungsminister Jaak Aaviksoo.

In Estland wüteten jedoch nicht nur Sowjets sondern auch deutsche und estnische Nationalsozialisten: Doch an die Ermordung Tausender Juden und vor allem die Mittäterschaft der eigenen Landsleute erinnert man sich in der baltischen Republik nicht gerne. Über 70.000 Esten kämpften an der Seite der Wehrmacht und der SS, auch an Frontabschnitten außerhalb Estlands. In welche Verbrechen die estnischen Soldaten und SS-Einheiten bei den Vernichtungsfeldzügen im Osten verwickelt waren, interessiert in Estland offenbar Niemanden. Man will daran auch gar nicht erinnert werden. In der nördlichsten der drei baltischen Staaten ist man stolz auf die estnischen Soldaten, die an der Seite der Deutschen gegen den «Erzfeind» Russland, sprich: die Sowjetunion, gekämpft hatten. Das aus Esten gebildete Bataillon «Narwa», sei in den Schlachten in der Ukraine im Sommer 1943 «aufgefallen», schreibt anerkennend der estnische Historiker Mart Laar, dessen Schriften im «Okkupationsmuseum» von Tallinn zum Verkauf angeboten werden. Der gemeinsame Kampf auf Seiten der Hitler-Wehrmacht, so die offizielle Sichtweise bis heute, diente dem «Fernhalten der Roten Armee», erklärt Mart Laar, und entsprach damit den estnischen nationalen Interessen.

Ähnliches lässt sich aus der südlichen Nachbarrepublik Lettland berichten, wo Staatspräsidentin Vaira Vike-Freiberga, zumindest im Ausland, ob ihrer Kranzspenden für lettische SS-Legionäre immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik steht, wie wir ausführlich und mehrfach berichteten.

Kränze für Judenmörder

Nach den gewalttätigen Protesten gegen den Abbau des «bronzenen Soldaten» in der Hauptstadt versuchte die estnische Regierung die Situation zu beruhigen. Am 8. Mai wurden im Beisein von Regierungschef Ansip, Verteidigungsminister Aaviksoo und Diplomaten der in Tallinn vertretenen Staaten, auch der deutsche Botschafter war zugegen, Kränze an verschiedenen Denkmälern niedergelegt: Dem jüdischen Mahnmal auf dem Gelände des ehemaligen KZ Klooga, vor dem «bronzenen Soldaten» auf dem Militärfriedhof von Tallinn und auf der Gedenkstätte Maarjamjagi, wo jener Esten gedacht wird, die an der Seite von Wehrmacht und SS gegen die sowjetischen Truppen kämpften.

Mit den Kranzniederlegungen wollte man «allen Opfern des zweiten Weltkrieges» gedenken, erklärte der estnische Verteidigungsminister am Gedenkplatz Maarjamjagi. Hier wird auf grauen Granitplatten in deutscher und estnischer Sprache den Gefallenen der Freiwilligen Panzergrenadier-Division «Nordland» und der Flak-Gruppe «Ostland» gedacht, die 1944 bei «Abwehrkämpfen» in Estland starben.

Warum man auch des Polizeibataillons Nr. 36 gedenke, das an der Judenvernichtung beteiligt war, wurde der Minister von einem Journalisten gefragt. Die Antwort des Politikers: «Diejenigen, derer wir gedenken, tragen keine Schuld.»

Trotzdem wäre es falsch, zu behaupten, Estland sei ein judenfeindliches Land gewesen. Im Gegenteil: Mitte der 1920er Jahre war ein Kulturautonomie-Gesetz erlassen worden, das den damals 4.500 Juden Estlands eine kulturelle Selbstverwaltung ermöglichte. Pogrome hat es in Estland nie gegeben.

Mit der Vernichtung der eigenen Juden fand das Grauen in der nördlichsten der drei Balten-Republiken für das jüdische Volk jedoch keine Ende. In die zahlreichen KZ des Landes kamen Juden aus ganz Europa, auch aus Deutschland. Die bekanntesten Stätten der Vernichtung waren die Lager Vaivara und Klooga. Nach Schätzungen der Jüdischen Gemeinde Estlands kamen während der deutschen Besatzung 20.000 Juden um. An der Überwachung und dem Aufspüren von Juden, schließlich an der Bewachung der KZ selbst, waren Esten beteiligt. Es gab allerdings auch viele Einheimische, die Juden schützten und versteckten.

Ein besonderes Grauen ereignete sich im KZ Klooga. Unmittelbar vor dem Anrücken der Roten Armee hatte die SS die 2.100 noch lebenden Juden des KZ erschossen und auf Scheiterhaufen verbrannt. Die Führung der Roten Armee ermöglichte es Kriegsberichterstattern den Ort des Grauens zu besuchen. Damit wurde das Verbrechen für die Nachwelt festgehalten.

Europa schweigt

Selbstverständlich ist es das souveräne Recht eines jeden Landes Denkmäler zu demontieren, zu versetzen oder neue zu errichten. Doch warum schweigen die Politiker Europas beharrlich zu den Gedenktafeln für estnische SS-Soldaten ebenso wie zu den Kränzen in Lettland, schlagen sich in der Frage des «bronzenen Soldaten» jedoch kritiklos auf die Seite der estnischen Regierung? Estland ist in Europa nicht nur Schlusslicht bei der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen sondern auch bei der Integration seiner größten Minderheit, der Russen. Die Außenwirkung Europas in Richtung Russland ist fatal. Die Europäische Union sollte endlich und vehement darauf drängen, dass an ihrem Ostrand die Geschichte ehrlich und schonungslos aufgearbeitet wird und die 140.000 Russen mit «grauem Pass» die vollen Bürgerrechte bekommen. Nur so lassen sich in Estland neue Gewaltausbrüche verhindern.

Ulrich Heyden

«Jüdische Zeitung», Juni 2007