Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Eine widerliche Süßlichkeit verkitsche die HeldenDer Umgang mit Erinnerung in beiden deutschen Staaten in den 1960er Jahren
Fotografien und Filme tragen heute neben literarischen Texten zur Gedächtnisbildung bei. Oft wird dabei die im Film abgebildete Wirklichkeit vom Publikum als einzig wahre verstanden, wie etwa in «Schindlers Liste». Was aber ist die «richtige» Wirklichkeit? Die Darstellung von Vergangenheit ob im Film oder in der Literatur geht immer mit einer bestimmten Form der Erinnerung einher. Sie wird vom Leser beziehungsweise Betrachter wiederum neu und anders ausgelegt. Neben die private tritt dabei eine öffentliche Erinnerung, die oftmals Normen für den Umgang mit Vergangenheit und Gegenwart legt. Sie hat Einfluss darauf, welche Texte wann und wo gelesen, welche Filme wie gezeigt werden. Der Workshop «Unbewältigte Vergangenheit? Faschismus und Krieg in Literatur und Film 1960» des Instituts für Germanistik an der Universität Potsdam fragte im vergangenen November nach der Dominanz von Erinnerungstexten um 1960 in beiden deutschen Staaten sowie in Polen und Norwegen. Gewidmet war diese Tagung der im Juli verstorbenen Literaturwissenschaftlerin Simone Barck. Sie hatte mit ihrem 2003 erschienenen Buch «Antifa-Geschichte(n)» die inhaltliche Planung entscheidend geprägt. Für die Bundesrepublik bildete das Jahr 1960 in verschiedener Hinsicht einen Wendepunkt im Umgang mit der jüngsten deutschen Geschichte. Nicht nur historische Ereignisse, wie die Einrichtung der Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen 1958, die Kölner Synagogenschändung 1959 oder der Eichmann-Prozess in Jerusalem 1961 warfen neue Fragen an Vergangenheit und Gegenwart auf. Mit der Veröffentlichung von Heinrich Bölls «Billard um halb zehn» und Günter Grass' «Blechtrommel» (1959) war der Zeitraum in literarischer Hinsicht ebenfalls «aufarbeitend» geprägt. Von den Referenten wurden dabei in Vergessenheit geratene literarische Schätze wieder ans Licht geholt. So erinnerte die irische Literaturwissenschaftlerin Anne Boden an das Tagebuch des Dawid Rubinowicz, das 1960 in der Bundesrepublik, 1961 in der DDR veröffentlicht wurde und bis in die 1980er Jahre hinein fast «echolos» blieb. Während die jüdische Identität des Verfassers in den polnischen Rezensionen meist ausgeblendet wurde, indem man die jüdische Erfahrung der polnischen unterordnete, stand bei den ost- und westdeutschen Rezensenten ein Vergleich mit dem Tagebuch der Anne Frank im Vordergrund. Nicht selten fand dabei eine Identifikation mit dem ‚deutschen Mädchen' Anne Frank statt. Ihr fühlten sich die Leser mehr verbunden als der Erfahrung des ostjüdischen Jungen. Nicht allein hier bot sich der methodische Ansatz an, den Umgang mit der Vergangenheit als «deutsch-deutsche Beziehungsgeschichte» zu betrachten. Der Komponist Paul Dessau nahm die nazistischen Vorfälle in der Bundesrepublik 1959/60 zum Anlass, ein Projekt zu initiieren, dass sowohl in seiner Thematik als auch in der künstlerischen Zusammensetzung einzigartig war: «Die jüdische Chronik». Das von ost- und westdeutschen Komponisten sowie dem Schriftsteller Jens Gerlach geschaffene und heute fast vergessene Werk verwob Vergangenheit und Gegenwart, Geschichte und ihre Deutung miteinander. Der Bau der Mauer im August 1961 verhinderte eine Aufführung des Gemeinschaftsprojektes. Dessau konnte seine westdeutschen Kollegen nicht überzeugen, dass Stück trotzdem aufzuführen. Für sie wog die innerdeutsche Auseinandersetzung schwerer als eine Stellungnahme gegen den wiederkehrenden Antisemitismus, wie Silvia Schlenstedt in ihrem Vortrag darstellte. Einen neuen Blick auf den ostdeutschen Bestseller über den antifaschistischen Widerstandskampf «Nackt unter Wölfen» unternahm der englische Germanist Bill Niven mit einem anregenden Vortrag. Dazu trug nicht allein die Betrachtung der westdeutschen Rezeption des Romans bei, sondern vor allem der Hinweis auf seine Entstehung. Der vernichtenden Beurteilung des damaligen Rowohlt-Lektors Peter Rühmkorf («eine widerliche Süßlichkeit verkitsche die Helden») stand nach der Veröffentlichung eine positive Besprechung von Marcel Reich-Ranicki gegenüber. Er las den Text als eine implizite Kritik an der gegenwärtigen Parteidogmatik. Zur Erklärung dieser Deutung führte Niven ein Faktum ins Feld, das bisher nur am Rande berücksichtigt wurde: Die Entstehung des Buches fiel mit einer von der SED unternommenen internen Untersuchung zusammen, die dem Verdacht nachging, inwiefern politische Häftlinge der SS beim Morden geholfen hatten, indem sie in die zu erstellenden Deportationslisten eingriffen. Der Roman könne daher auch als Rechtfertigungsroman betrachtet werden, der das Vorgehen der Kommunisten im Lager verteidige. Niven wies darauf hin, dass in der Diskussion um das richtige Verhalten das eigentliche Problem allerdings verschwiegen wurde: Dass Unschuldige zur Rettung eigener Leute in den Tod geschickt wurden. Eine Zusammenfassung der besonderen Art und gleichzeitig die anschaulichste Wirkung bot allerdings der Filmabend, selbst Nichtwissenschaftler hätten daran ihre geschichtliche Freude gehabt. Am Beispiel des Filmhelden Macke Prinz zeigte der nach dem Drehbuch von Wolfgang Neuss entstandene Film «Wir Kellerkinder» (1960) in wunderbar satirischer Weise den Umgang mit der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik. Demgegenüber steht die Aufdeckung einer nur rein äußerlich stattgefundenen Erneuerung des «anderen Deutschland». Auch hier wurden, zwar nicht im gleichen Umfang wie auf der westdeutschen Seite, Mitläufer integriert. Der Verweis auf die geschichtliche Wirklichkeit führt Macke in eine psychiatrische Anstalt. Der Versuch aus dieser wieder entlassen zu werden, ist an die «richtige» Auslegung der gesellschaftlichen Wirklichkeit gebunden. Dieser können weder Macke noch seine zwei Freunde sich beugen und verbleiben hinter geschlossenen Türen. Allein hier lässt sich von staatlicher Seite die Wahrheit bändigen. Die abschließende Filmmatinee verwies ebenfalls auf ein filmisches Juwel. Der 1961 vom polnischen Regisseur Andrzej Munk gedrehte Film «Die Passagierin» besticht nicht allein durch filmische Elemente, sondern vor allem durch seine ungewöhnliche Erzählweise der Vergangenheit. Die Protagonistin Lisa, sie befindet sich mit ihrem vor den Nationalsozialisten geflüchteten Ehemann auf einer Schiffsreise von den USA nach Europa, wird durch eine Passagierin von ihrer Vergangenheit eingeholt. In zwei Rückblenden erfährt der Zuschauer von ihrer Tätigkeit als Aufseherin in Auschwitz. Während die erste Erzählung sorgfältig für den Ehemann sortiert wird, stehen sich in der zweiten Erinnerung und Reflexion gegenüber. Die verschiedenen Erzählweisen ermöglichen nicht nur einen anderen Umgang mit der Erinnerung, sondern verschieben auch die geschichtliche «Realität». Wie diese in der Gegenwart erscheint, so macht der Film eindringlich deutlich, hängt vom Erinnernden und seiner Erzählung ab.
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